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K o n f i r m a t i o n    30.04.2006

 Dörfer: Frestedt  und  Hochdonn

 

P r e d i g t :   Diakon  Ulf Migdalek

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

 

 

Liebe Konfirmanden, liebe Konfirmandeneltern, liebe Gemeinde,

 

ich habe heute ein Navigationssystem mitgebracht. Nicht so ein modernes elektronisches, wie es ab 300.- Euro bei jedem Discounter inzwischen angeboten wird. Sondern eines aus meiner Pfadfinderkiste, ein etwas älteres, das aber auch ganz prima funktioniert, ganz ohne Batterien sogar - nämlich einen Kompaß. Wenn ich den richtig zu bedienen weiß, zeigt der mir genauso gut an wo es lang geht, wie sein elektronischer Verwandter.

 

Dabei ist eines ganz interessant. Egal ob ich mit meinem ollen Kompaß oder mit dem satellitengestütztem GPS loslege. Beide Systeme stellen mir zuerst eine ganz wichtige Frage. Wo stehst du eigentlich? Und das wollen wir dann auch gleich mal festhalten: Bevor ich eine Reiseroute festlege, muß ich mir darüber klar werden: Wo ist dein Standpunkt?

Das muß man zu allererst wissen. Mit dem Kompaß kann man das ganz gut berechnen, vorausgesetzt man hat in Sichtweite 2 bekannte Punkte. Das Navigationssystem von heute macht es fast genauso; das braucht mindestens 3 Satelliten, deren Signale es auswertet.

 

Liebe Konfis, als fixe Mitdenker, wie ich Euch aus dem Konfer-Unterricht kenne, ahnt ihr schon, daß der Standpunkt auf den ich hinaus will, nichts mit Erdkunde zu tun hat. Viel spannender war für mich in unserer gemeinsamen Zeit eine andere Art Standpunkt. Euer persönlicher Standpunkt nämlich. Was immer wir auch behandelt haben, bei jedem Thema habe ich euch im Grunde immer mit denselben Anforderungen und Fragen konfrontiert: Was ist dir wichtig?  Wofür stehst du ein? Sag es bitte mit deinen eigenen Worten. Und : Stehst du auch wirklich für das in deinem alltäglichen Leben, was du da gerade sagst ?

 

Wenn da einer anfing rumzudrucksen, war klar: Der hat seinen Standpunkt noch nicht gefunden. Das ist problematisch, weil man nie weiß, woran man bei ihm ist. Denn Menschen brauchen Standpunkte. Damit sie selber wissen, wo sie hingehören und andere wissen, woran sie bei ihnen sind.

Aber wollen wir mal nicht so streng, sondern realistisch sein: Denn es ist auch nicht schlimm, wenn so junge Hüpfer wie ihr, in vielen Dingen noch keinen klaren Standpunkt haben. Das wird in manchem auch noch eine Weile so bleiben.

   

In einer Hinsicht kann sich das jedoch ändern. Und zwar heute und hier. Konfirmation hat nämlich auch etwas mit einer Standortbestimmung zu tun, ziemlich konkret sogar. Nachher werdet ihr nämlich auch nach eurem Standpunkt gefragt. Nur, daß nicht euer GPS-Handy fragt: „Wo stehst du?“ sondern euer Diakon euch fragt: „Wollt ihr euer Leben als Christen führen und zu dieser Gemeinde gehören?” Das ist die Frage, um die es heute geht. Und dann ist euer Standpunkt gefragt. Und wenn ihr dann diese Frage mit ehrlichem Herzen mit „Ja“ beantwortet  legt ihr euch da fest.

 

Ihr sagt damit selbstbestimmt und eigenverantwortlich: „Ich bin Christ“  Das! ist dann eine Positionsbestimmung. Und genau darum geht es ja heute.

 

Ich möchte noch einmal zurück hier zu meinem Kompaß. So ein Kompaß hat ja nicht nur die Aufgabe festzulegen wo man gerade ist. Vor allem soll er mir ja helfen, den richtigen Weg zu meinem Ziel zu finden. Und deshalb stellt er mir nach dem „Wo bist du ?“ noch eine zweite Frage: „Wo willst du hin?”

Im alltäglichen Leben mit Kompaß oder Navigationssystem ist diese Frage ziemlich einfach zu beantworten, meine Geräte helfen mir ja schließlich dabei.

 

Ganz anders sieht das aus, wenn ich diese Frage an meinen Lebensweg stelle: „Wo willst du hin?“ Da merke ich, daß die Antwort gar nicht so einfach ist. Und das gilt nicht nur für euch Konfirmanden; auch Erwachsene tun sich schwer zu sagen, was das Ziel in ihrem Leben ist.

Im übrigen: Man kann auch ohne Ziel unterwegs sein. Überhaupt kein Problem! Wir haben jede Menge Menschen auf diesem Planeten und ich begegne beruflich wie privat alltäglich gewissen Leutchen, die führen ihr Leben und haben überhaupt keine Peilung, wohin die Reise gehen soll. Man lebt halt einfach so, und ist oft damit auch gar nicht so schlecht bedient. Ja, es fällt oft gar nicht auf. Und lange genug, viel zu lange, hat Vater Staat diese ganze Lust- und Ziellosigkeit auch noch finanziert. Doch die Welt ist im Wandel begriffen, die große da draußen und unsere kleine in Dithmarschen natürlich auch. Es gibt neue, ganz andere Herausforderungen an die schmucken Damen und Herren da unten, als jene, die an meine und ihre Generation, liebe Gemeinde, gestellt wurden. Ziellosigkeit ist nicht nur eine törichte Verschwendung kostbarer Lebenszeit geblieben, sondern auch eine gefährliche Sache in Punkto Lebensqualität und Lebensstandart geworden .

 

Ihr habt mir mal am Anfang der Konferzeit mit einer Collage gezeigt, was ihr euch alles für eure Zukunft wünscht. Das war bisweilen ganz lustig und ich bringe euch eure Blätter dann zur Goldenen Konfirmation mit, da habt ihr was zu lachen. (zu eurer Info liebe Konfis-das ist heute in 50 Jahren). Eure Ziele und Wünsche unterschieden sich kaum von dem anderer junger Leute in eurem Alter. Der eine will einmal richtig viel Moneten haben. Der Andere sehnt sich nach ein bißchen Berühmtheit, und wenn es nur 10 Minuten bei einer Talkshow sind. Ein Leben in Gesundheit sucht ein Dritter. Einen verläßlichen Partner fürs Leben zu finden, war auch manch anderer wichtig. Ziellos war keiner von euch, das hatte mir gut gefallen.

 

So, jetzt haben wir einen Standpunkt und ein Ziel. Bleibt die Frage: Wie komme ich zuverlässig von A nach B? Als Leitwolf unserer Pfadfinder kann mir da gut helfen. Hier mit meinem Kompaß - denn seine Nadel zeigt immer zuverlässig nach Norden. Auf diese Weise kann ich mich gut orientieren und komme mit Hilfe einer Landkarte gut ans Ziel.

Das, was hier diesen Kompaß ausmacht ist die magnetische Kompaßnadel. Die läßt sich nicht beirren. Sie richtet sich immer nach Norden aus, egal was ich mache, egal wo ich stehe und wie ich mich drehe. Der Kompaßnadel kann ich viel erzählen, sagen, daß ich das aber anders sehe, und der Meinung bin, daß „da drüben” Norden ist. (Übrigens ist da drüben Norden) Nein, die Kompaßnadel steht da drüber, die läßt sich nicht beirren. Sie zeigt nach Norden, und dann muß ich gegebenenfalls einsehen daß ich auf dem falschen Weg bin. Und muß den falschen Weg verlassen, weil ich sonst nicht an mein Ziel komme.

 

 

Zurückkommend auf die vorhin angesprochenen Herausforderungen, die auf euch zukommen, habe ich den Eindruck, in unserer Welt ist vieles unheimlich kompliziert geworden. Und Trendforscher und Soziologen bestätigen uns heute: Unsere Gesellschaft leidet an einem Orientierungs- und einem Werteverlust. Es wird uns heute nicht mehr, wie es in früheren Zeiten noch üblich war, gesagt, was richtig ist. Unsere Gesellschaft hat einen äußerst geringen Anteil an Minimalkonsens, d.h. es gibt in unserer Gesellschaft sehr wenige Themen wo man sich gesellschaftlich einig ist: Das ist richtig und das ist falsch. Zu diesem Minimalkonsens gehört z.B. die Verneinung von Gewalttaten, seien sie von rechts oder von links. Zu diesem Minimalkonsens gehört, zumindest von Seiten des Gesetzgebers noch der Schutz des Eigentums.

 

Aber ansonsten ist vieles offen: Wir sind uns gesellschaftlich gesehen nicht einmal darüber einig, ob die Tötung ungeborenen Lebens richtig oder falsch ist. Wir sind uns nicht darüber einig, wie weit die Genforschung gehen darf oder die Sterbehilfe oder oder oder. In dieser Hinsicht hatten es die Generationen vor euch einfacher. Sie lebten wahrscheinlich eingeengter, aber sie hatte es einfacher zu entscheiden, was richtig und falsch ist. Sie wußten, was man zu tun und was zu lassen hatte. Sie hatten nicht die Vielzahl der Optionen im Blick auf die Berufswahl, im Blick auf das, was sie einkaufen konnten etc.

Junge Leute müssen sich heute entscheiden, ob sie mit grünen, roten, blonden oder schwarzen Haaren durchs Leben gehen. Früher war das schlicht und ergreifend keine Entscheidung.
Junge Leute sehen sich heute mit einer Vielzahl möglicher Berufsausbildungen konfrontiert und keiner kann ihnen garantieren, ob die von ihnen gewählte Ausbildung in 10 Jahren überhaupt noch gebraucht wird.

Aber abgesehen von dieser zeitbezogenen Zukunftsskepsis, liebe Konfis - und ich weiß gar nicht so genau, ob ich euch darum beneiden soll oder nicht - bleibt  die Tatsache, daß das ganze Leben noch vor euch liegt. Und, wie es in einem Roman von Virginia Woolf heißt, ist es „sehr sehr gefährlich, auch nur einen einzigen Tag zu leben.“


Gott möge verhindern, daß euch liebe Konfirmanden ein Leid geschieht, aber ich fürchte ihr werdet um die Erfahrung nicht herumkommen, daß sich nicht alle Wünsche und Sehnsüchte, die ihr ans Leben habt, erfüllen werden. Neben Glück und Erfolg werdet ihr nicht umhin können auch Niederlagen zu erleben. Da wird vielleicht manche Latte zu hoch gelegen haben, manche Grenze bitter erfahren werden. Beziehungen können scheitern, man kann entlassen werden, nicht jedem ist Gesundheit gegeben. Und manch einer von euch wird von dem Weg abkommen, den er sich vorgenommen hatte zu gehen. Manch einer wird sein Ziel aus den Augen verlieren, weil ihm sein Weg so weit wird. 

Daß man sich im Leben hin und wieder verirrt, das tut weh und läßt sich aber mit keiner noch so guten Planung verhindern. Die Frage lautet daher nicht: Wie könnt ihr verhindern, daß ihr euch vergaloppiert oder auf einem Holzweg landet, sondern: Was macht ihr, wenn ihr euch verlaufen habt ?

Und weil ich mir deshalb schon um euch, liebe Donnerstagsgruppe, die mir doch sehr ans Herz gewachsen ist, ein wenig Sorgen mache, möchte ich euch ein kleines persönliches Geschenk machen. Es liegt dort auf dem Tisch und wenn Thomas  das Tuch mal wegzieht, könnt ihr auch sehen, was dort liegt...

Es sind Kompasse, einer für jeden von euch und ich bitte euch: Nehmt euch bitte jeder einen davon weg, er gehört in Zukunft euch.

 

 

 

Liebe Konfis, ich war nicht immer Diakon und blicke auf ein bewegtes Leben zurück. Was mich in allen Abenteuern und Wagnissen des Lebens immer wieder auf die feste Straße, in die richtige Richtung gebracht hat, war auch eine Art Kompaß. Für mich war dieser Kompaß  Gott. Der Gott dem ich wie ihr bei meiner Konfirmation die Treue gelobt hatte. So weit ich mich auch von ihm entfernte, ER blieb bei mir.

So verlassen ich mich auch von Menschen gefühlt habe, ich spürte, ER verläßt mich.

So oft ich zu schlau, zu schnell, zu selbstsicher war, ER hat die Nerven behalten.

So oft ich enttäuscht, verbittert und entmutigt war, mein Vater im Himmel hat mir ruhig und unbeirrt den richtigen Weg gewiesen, wie die Nadel auf Euren Kompassen, die beharrlich nach Norden zeigt, wohin ihr euch auch dreht.

 

Erinnert euch an die Geschichte vom verlorenen Sohn ? Das war auch einer, der hatte für ein paar Jahre den Kompaß völlig ignoriert und hat sich so richtig in die Schei... ins Schlamassel manövriert. Erst ganz unten in der Grütze hat er dann mal wieder den Kompaß des Glaubens ausgepackt und den Weg zurück zu seinem Vater eingeschlagen. Die Geschichte ist ja gut ausgegangen, weil die Liebe des Vaters so enorm groß war.

Ich denke, daß es jedem von euch einmal ähnlich gehen könnte. Daß man mal einen falschen Weg einschlägt, und man ohne Peilung und ohne Ziel irgendwo in der Wüste landet.

 

Dann hoffe ich, ihr wißt noch wo ihr den alten Kompaß hingekramt habt, den ihr zu eurer Konfirmation bekommen habt. Holt ihn raus, setzt euch in eine Ecke und schaut auf die Nadel.

Die soll euch an diesen Tag erinnern, an dem ihr euren Bund mit Gott erneuert habt.

An diesen Tag, an dem ihr Gott gelobt habt, ihm treu zu bleiben.

An diesem Tag, an dem aber auch Gott seinen Bund mit euch erneuert hat.

An dem auch ER versprochen hat, euch treu zu bleiben.

 

Wie gut, daß wir einen Gott haben, der kein Besserwisser und Oberlehrer ist, sondern ein Vater, der uns vor allem mit seiner großen Liebe anschaut. Darum freut er sich wieder, wenn wir den Kompaß des Glaubens hernehmen und wieder nach ihm fragen, und nachsehen, wie es weitergehen soll.

 

In einem alten Psalm heißt es am Ende: „Erforsche mich, Gott und sieh mir ins Herz, prüfe meine Gedanken und Gefühle. Sieh, ob ich in Gefahr bin, dir untreu zu werden, dann hol mich zurück auf den Weg, der zum ewigen Leben führt.” (Ps 139, 23-24)

 

Möge euch das, was wir gelernt und erlebt haben, dabei weiterhelfen. Der Kompaß mag ein Symbol für unsere gemeinsame Zeit sein und für die Orientierung, die euch daraus hoffentlich erwachsen ist.

 

Ihr werdet mir fehlen. Möget ihr gute Tage vor euch haben. Mögen eure euch Wege zu den ersehnten Zielen führen. Und wenn mal nicht: Ihr habt jetzt den Kompaß und ihr wißt, was er bedeutet.

 

Amen.