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Neujahr  2006    Pastor Alfred Sinn

Liebe Gemeinde,

das neue Jahr hat begonnen. Wie ein unbekanntes Land streckt es sich vor uns aus. Das neue Jahr ist schon Gegenwart und noch mehr Zukunft. Die Zukunft will von uns Stück für Stück in Besitz genommen werden.  Doch die Stücke sind nicht fertige Teile, sondern sie formen sich erst, indem wir sie uns aneignen.

Fragen tun sich auf: was werden wir erleben? Werden wir Höhen erklimmen, oder durch Täler wandern? Werden wir wie durch einen ruhigen See schwimmen oder uns durch ein tosendes Flussbett abstrampeln? Was wird uns begegnen, viel Schönes oder mehr Leid? Oder gar der Tod?  Immer wieder sagen Menschen bei solchen Überlegungen erleichtert: Wie gut, daß das niemand weiß!

 

Von Johann Wolfgang von Goethe gibt es ein Gedicht mit dem Titel „Beherzigung“, das solche Fragen vor Neuem stehend aufgreift:

 

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?

Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.

Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie er's treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, daß er nicht falle!

 

Ja, wie sollen wir uns verhalten, wenn ein Neues beginnt? Doch, warum machen wir um den Anfang eines neues Jahres solch Aufhebens? Ist nicht jeder Tag ein neuer Tag, der uns herausfordert? Daß das neue Jahr mit dem 1.Januar beginnt, ist eine Konvention (Übereinkunft) zwischen Menschen. Wenn wir als Christen die Zeit nach Christus rechnen, müsste das neue Jahr am 25.Dezember beginnen. Solche Ansätze gab’s durchaus in der Geschichte.

 

Nun, für uns hat es sich eingebürgert, daß das neue Jahr mit dem 1.Januar beginnt. Und so stehen wir nun vor dem Neuen und wollen es in Angriff nehmen.

Wenn wir vor Neuem stehen, wäre es verkehrt nur auf das zu schauen, was fremd und unergründlich ist. Vielmehr sollte sich der Blick richten auf das, was man hat, worauf man vertrauen und bauen kann.

 

Laßt uns doch in dieses Jahr gehen mit der Verheißung Gottes, wie sie die Jahreslosung wiedergibt,  Josua 1, 5 :  Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

 

Diese Worte hat Gott zu Josua gesagt. Josua war mit der Aufgabe betraut, das Volk Israel in das Gelobte Land zu führen. Mose war gestorben, ihm war verwehrt das Land zu betreten. Nun steht Josua da vor dieser großen Aufgabe, wie soll er sie bewältigen? Auf ihm ruht die ganze Last und Verantwortung.

Neues steht bevor; der Jordan soll überquert werden, die Konfrontation mit anderen Völkern wird unumgänglich. Wie soll ich das bloß hinkriegen, wird Josua gedacht haben. Das Volk hatte sich schon unter Mose nicht gerade umgänglich gezeigt. Nach menschlichem Ermessen war die Aufgabe nicht zu schaffen. Doch Gott spricht zu ihm: „Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.“  Gott lenkt den Blick von Josua weg auf sich, von der Perspektive des Menschen hin zu der Perspektive Gottes. Josua hört die mutmachende Zusage: “Ich lasse dich nicht fallen. Ich verlasse dich nicht!”

Josua muß nicht auf sein eigenes Vermögen bauen, er kann sich auf Gott verlassen. Ehe Josua beginnt, ist Gott schon am Werk.  Gott sagt, was er tut, und er tut, was er sagt.

Dreimal sagt Gott zu Josua: Sei getrost und unverzagt! Die Zusage Gottes hat Josua Mut gemacht Ja zu seinem Auftrag zu sagen. Er hat Neuland betreten in der Gewissheit, daß Gott ihn nicht verlässt.

 

Liebe Gemeinde, schaffen wir es, dieses neue Jahr mit solcher Gewissheit zu durch-schreiten? Die Jahreslosung will uns dazu Mut machen. Lernen wir doch den Weg in die Zukunft nicht allein nach menschlicher Möglichkeit zu messen, sondern nach göttlicher Zusage!

Auch wir sind wanderndes Gottesvolk. Wir dürfen aufbrechen und wir müssen aufbrechen! Gott schenkt Zukunft.  „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht!“ Solche Zusage brauchen wir umsomehr, da wir wohl alle schon Erfahrung mit Verlassen-werden gemacht haben. Das bleibt nicht aus. Das kleine Kind, das von der Mutter betreut wird, fühlt sich schon verlassen, wenn die Mutter nebenan in die Küche geht. Die Kindergärtnerinnen erleben jedes Jahr neu, wie Kinder verzweifelt weinen, wenn sie die ersten Male im Kindergarten bleiben sollen, während die Eltern weggehen.  Die Welt gerät aus den Fugen, die Verlässlichkeit wird erschüttert.

 

Das Verlassenwerden durchzieht das Menschenleben:

-         Ein Jugendlicher wird aus der Clique ausgestoßen

-         ein Mädchen wird vom Freund verlassen

-         eine Ehe zerbricht, einer gibt den anderen auf

-         Freundschaften zerbrechen

-         der Arbeitsplatz geht verloren

-         eine Aufgabe wurde in Gemeinschaft begonnen, nach und nach ziehen sich Leute zurück, um an einem die ganze Last hängen zu lassen

-         manch einer wurde fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel

-         am Ende müssen wir alle diese Welt verlassen, die Zurückgebliebenen fühlen sich regelrecht allein gelassen.

 

Solche Erfahrungen prägen und hinterlassen Spuren. Da tut es doch gut, solch ein Wort wie die Jahreslosung zu hören: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht!“ 

 

 

Nicht nur der heutige Tag mit dem Beginn eines neuen Kalenderjahres ist ein Aufbruch sondern jeder Tag bietet einen Neuanfang.  An jedem Tag brauchen wir solche Zusage. Wenn der Aufbruch zu neuen Ufern gelingen soll, dann ist die Gemeinschaft mit diesem Gott schon erforderlich. Die Jahreslosung ist allerdings kein Versprechen einer problemlos verlaufenden Biografie oder steilen Karriereleiter, keine Kranken- oder Unfallversicherung, aber das Versprechen einen verlässlichen Partner an unserer Seite zu haben.  Die Jahreslosung ist so was wie eine Lebensversicherung.

 

Mit dem Glauben sind wir aufgebrochen zu neuen Ufern des Lebens. Mit dem Glauben haben wir ein Land in Besitz genommen, das uns der Herr zugewiesen hat. Ist der Jordan einmal überquert, gibt’s kein Zurück. Und wenn einer vom Glauben abfällt, wird er Schaden erleiden.

Einmal sollen wir die letzte Grenze überwinden, das ist die Todesgrenze.  In den amerikanischen Gospelliedern steht der Jordan auch für diese Grenze.

„Jordan-stream is deep and wide.“  Diese Grenze ist tief und weit, allein kann ich sie gar nicht überwinden.  Aber es gilt auch: „Jesus stands on the other side.“ Jesus steht auf der anderen Seite. Er ist über den Jordan gegangen. Er wartet auf dich und nimmt dich in Empfang.

 

Jesus ist der wahre Josua (= Retter). Laß dich fallen!  Bei ihm und mit ihm bist du nicht verloren und nicht verlassen.

 

Laßt uns aufbrechen mit Hoffnung, Zuversicht und Gewissheit. Freilich noch leben wir im Glauben und nicht im Schauen (2.Kor.5,7). Doch was Gott verheißt, reicht weiter als das, was im Augenblick geschieht.  Gottes Verheißung wiederum ist kein Freibrief für Müßiggang, sondern sie fordert uns. Sie verpflichtet uns zur Verantwortung. Josua hat sein Amt angenommen, wir sollen uns den Aufgaben auch stellen.

Wir wollen es tun mit der Zusage des Herrn: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht!“

 

Ich schließe mit einem Gebet des Kirchenvaters Augustin:

 

Gott, von dir sich abwenden heißt fallen.

Zu dir sich hinwenden heißt aufstehen.

 In dir bleiben heißt sicheren Beistand haben.

Amen.