Reminiscere 2.Sonntag in der Passionszeit 12.03.2006
Pastor Alfred Sinn
Jesaja 5, 1 – 7
1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.
2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, daß er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.
3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!
4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, daß er gute brächte?
5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, daß er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, daß er zertreten werde.
6 Ich will ihn wüst liegen lassen, daß er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, daß sie nicht darauf regnen.
7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.
Liebe Gemeinde,
Dithmarschen ist kein Land des Weins. Weinreben gedeihen nicht, es lohnt nicht einen Weingarten anzulegen. Ich habe vor Jahren einige Weinstöcke im Garten gepflanzt. Die Ranken wachsen, die Blätter sind groß, aber richtig Früchte waren noch nicht dran. Es haut nicht hin bei diesem Klima. Es ist zuviel Wind und es fehlt die Wärme.
Hierzulande würde gleichnishaft der Vergleich mit einem Kohlfeld passen. Der Boden – zumal in der Marsch – eignet sich hervorragend um herrlichen Kohl ernten zu können. Doch auch hier gilt: von nichts kommt nichts. Damit schmackhafter Kohl geerntet werden kann, müssen verschiedene Faktoren stimmen. Das Erdreich muß nicht nur fruchtbar sein, es muß auch bearbeitet werden. Die Sämlinge müssen von guter Qualität sein – und wenn sie heranwachsen, müssen sie gepflegt werden. Das Unkraut darf nicht überhand nehmen. Es braucht den Regen und es braucht die Sonne zur passenden Zeit.
Bei diesem Bild bleibend würde das Jesajalied so lauten: „Ich will von meinem Freund und seinem Kohlfeld singen. Mein Freund hatte ein Kohlfeld auf einem fetten Acker. Er grub das Feld um, entfernte die Steine und pflanzte treffliche Kohlpflanzen. Er tat alles, damit der Kohl gedeiht. Auch Lagerhäuser hat er errichtet, um den Kohl darin zu sammeln. Nun kam die Erntezeit, er ging hinaus aufs Feld um den Kohl zu ernten. Doch die Frucht war mickrig. Wie ist das bloß möglich? Sagt ihr Leute, was hätte mein Freund noch tun sollen? Im nächsten Jahr wird er den Acker den Dornen und Disteln überlassen, die Tiere sollen ihn zertrampeln.“
Ob Weinberg oder Kohlfeld, der Bauer will nach seiner Hände Arbeit Frucht ernten. Das ist eine mehr als selbstverständliche Erwartung. Doch ist nicht auch sonst im Leben das Ergebnis mehr als enttäuschend! Da fallen einem die Worte ein, die Gott zu Adam gesprochen hat: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist.“ (1.Mose 3)
Der Prophet Jesaja tritt in der Öffentlichkeit auf und beginnt ein Lied zu singen. Der Lutherübersetzung ist nicht zu entnehmen, daß die Verse in poetischer Sprache verfaßt sind. In der Übersetzung „Die Gute Nachricht“ ist das eher umgesetzt worden:
Hört mir zu! Ich singe euch das Lied meines Freundes von seinem Weinberg:
Auf fruchtbarem Hügel, da liegt mein Stück Land,
dort hackt ich den Boden mit eigener Hand,
ich mühte mich ab und las Felsbrocken auf,
baute Wachtturm und Kelter, setzte Reben darauf.
Und süße Trauben erhofft ich zu Recht,
doch was dann im Herbst wuchs, war sauer und schlecht.
Jerusalems Bürger, ihr Leute von Juda,
was sagt ihr zum Weinberg, was tätet denn ihr da?
Die Trauben sind sauer - entscheidet doch ihr:
War die Pflege zu schlecht? Liegt die Schuld denn bei mir?
Ich sage euch, Leute, das tue ich jetzt:
Weg reiß ich die Hecke, als Schutz einst gesetzt;
zum Weiden solln Schafe und Rinder hinein!
Und die Mauer ringsum - die reiße ich ein!
Zertrampelnden Füßen geb ich ihn preis,
schlecht lohnte mein Weinberg mir Arbeit und Schweiß!
Ich will nicht mehr hacken, das Unkraut soll sprießen!
Der Himmel soll ihm den Regen verschließen!
Der Weinberg des Herrn seid ihr Israeliten!
Sein Lieblingsgarten, Juda, seid ihr!
Er hoffte auf Rechtsspruch - und erntete Rechtsbruch,
statt Liebe und Treue nur Hilfeschreie!
Das Lied in Gedichtform fesselt die Zuhörer. Man kann sich vorstellen, wie die Leute neugierig werden. Aha, denken sie sich, das ist ein Liebeslied. Denn das Gleichnis vom Freund und seinem Weinberg deutet auf eine Liebesgeschichte hin. Der Weinberg stand damals für die Geliebte. Also dieses Lied versprach Spannung. Die Geliebte weist den Bewerber zurück. Ach, wieviel Tragik liegt in solchen Liebesbeziehungen!
Auf einmal fordert Jesaja die Zuhörer auf, ein Urteil zu sprechen. Damit nimmt die Spannung eine andere Gestalt an. Plötzlich sollen die Bürger nicht mehr nur amüsiert zuhören, sondern sie sollen sich beteiligen. Sagt, ihr Leute, hat mein Freund nicht genug getan für seinen Weinberg? Die Leute nicken. Freilich, nicht der Weinbergbesitzer, sondern der Weinberg ist schuldig. Er hat die liebevolle Mühe des Weinbergbesitzers abgeschlagen. Aus dem Liebeslied wird das Plädoyer der Anklage.
Nun geht Jesaja noch einen Schritt weiter. Die Zuhörer erfahren, daß sie längst schon Beteiligte sind. Nun wird deutlich, daß es gar nicht um ein weltliches Liebes- oder Erntelied geht, sondern um sie selbst und um ihre Beziehung zu Gott.
Spätestens als vom Regen die Rede ist, wird allen klar, daß Gott der Weinbergbesitzer ist. Denn wer sonst kann dem Regen gebieten? Ihr Bürger Judas, ihr seid der Weingarten Gottes! Nun gibt es keine Enthaltung mehr, keine Neutralität. Das Lied handelt also vom Volk Gottes.
Gott wollte sich an seinem Volk freuen. Er wollte gute Frucht, Recht und Gerechtigkeit. Statt dessen sah er nur Blutvergießen und hörte Schreie der Bedrängnis. Gott wollte von euch gute Taten sehen, doch er sah nur Bluttaten. Ihr habt nicht Recht gesprochen, sondern es gebrochen!
Gottes Gesetz verlangt, daß Gerechtigkeit geübt wird. Dazu gehört, daß Vergehen bestraft werden muß. Also der Sünder muß zur Rechenschaft gezogen werden.
Im Weinberglied kündigt Gott Gericht an. Insofern singt Jesaja eine Gerichtspredigt. Doch immer dort, wo die Bibel (und auch die Kirche) Gericht predigt, geht es letztlich um das Heil. Der Mensch soll zurückfinden zum Heilsweg Gottes.
Wenn der Mensch auf Gottes Güte nicht reagiert, kann es schon passieren, daß Gott zu anderen Maßnahmen greifen muß. Zum Beispiel läßt er Unheil zu. Gott entzieht seine Liebe, damit der Mensch zur Liebe Gottes zurückfindet.
Nun, wollen wir das Lied des Jesaja unter historischem Gesichtspunkt sehen, oder hat es uns heute was zu sagen? Wer ist heute der Weinberg Gottes? Freilich, Israel; doch auf der anderen Seite die Christenheit. Was haben wir als Kirche aus dem Weinberg Gottes gemacht? Stehen wir nicht in der Gefahr, daß Zäune niedergerissen werden und der Garten zertrampelt wird? Viele aus dem jungen Volk wissen nicht mehr was Recht und Unrecht ist. Und viele aus der älteren Generation leben den Jungen den christlichen Glauben nicht mehr vor. Es gilt die Gewissen zu schärfen. Und das geht am besten mit dem Wort Gottes – das Wort Gottes, das sowohl Gesetz, als auch Evangelium ist.
Wie vor einigen Wochen an Amos, lernen wir auch von Jesaja, daß die Gottesbeziehung keine private Angelegenheit ist und auch nicht eine, die auf den Gottesdienst beschränkt ist. Die Gottesbeziehung hat politische und gesellschaftliche Auswirkung. Gott hört den Aufschrei der Armen und Schwachen.
Jesus hat gesagt: Arme habt ihr allezeit unter euch. In der Tat, Gelegenheiten gibt es viele zu helfen. Schaffen wir es, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit miteinander zu verbinden?
Wenn wir im Konfirmandenunterricht darüber nachdenken, lesen wir eine Erzählung, in der das vorbildlich gelungen ist.
In den Jahren 1933 -1945 war Fiorello Henry La Guardia Bürgermeister von New York. Er gab der Stadt eine neue Verfassung. Er führte ein vielseitiges Sozialprogramm durch, kämpfte gegen die Korruption und setzte sich für die Beseitigung von Elendsvierteln ein. Zuweilen trat er auch als Polizeirichter in Erscheinung.
An einem Wintertag, so wird erzählt, führte man ihm einen alten, vor Kälte zitternden Mann vor. Man hatte ihn in einem Laden beim Diebstahl eines Brotes ertappt. Sein Hunger trieb ihn einfach dazu. La Guardia sah sich an das Gesetz gebunden, das keine Ausnahme duldet. Deshalb verurteilte er den Mann zu einer Geldstrafe von zehn Dollar. Dann aber griff er in die eigene Tasche und bezahlte den Betrag an Stelle des Angeklagten. Er warf die Zehndollarnote in seinen grauen Filzhut. Daraufhin wandte er sich an die Anwesenden im Gerichtssaal und bestrafte jeden einzelnen von ihnen mit einem Bußgeld von fünfzig Cent und begründete die Strafe mit dem Hinweis, daß sie in einer Stadt leben würden, wo sich ein Mensch zum Brotdiebstahl genötigt sieht, um nicht zu verhungern. Die Geldstrafe wurde sofort vom Gerichtsdiener mit dem grauen Filzhut kassiert und dem Angeklagten übergeben. Dieser traute seinen Augen nicht. Er verließ den Gerichtssaal mit 47 Dollar und 50 Cent.
Zurück zum Weinberglied. Was passiert, wenn Gott uns uns selbst überläßt? Dann geht es uns wie dem Weingarten: Verödung stellt sich ein. Die Kirche steht in der Gefahr zertrampelt zu werden. Damit das nicht geschieht muß sie an das heilige Wort Gottes gebunden bleiben. Das Weinberglied ist auf die Erneuerung der Beziehung zu Gott aus.
Für uns ist die liebevolle Zuwendung Gottes erkennbar in seinem Sohn Jesus Christus. (Siehe auch die Lesung Markus 12) Durch Christus werden wir zu einem edlen Gewächs. Als Garten werden wir gehegt und gepflegt, von Sünden entsteint, umgeben mit Schutz und versorgt mit Spurenelementen, die wir zum Leben brauchen. Sagt, was sollte noch mehr getan werden? Die Voraussetzungen sind gegeben, daß der Garten blüht.
Aus solchem Zuspruch folgt der Anspruch. Jesus Christus ist eben nicht nur Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden, sondern mit gleichem Ernst auch Gottes kräftiger Anspruch an unser ganzes Leben (vgl. Barmer Erklärung II von 1934).
Nicht von ungefähr greift Jesus das Bild vom Weinberg auf, wenn er bei Johannes spricht: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Kap.15).
Gottes Zuspruch und Anspruch gehören zusammen. Beide sind zielgerichtet. Das Ziel ist die Vollendung. Als Rebe am Weinstock sollen wir für den himmlischen Weingarten erhalten bleiben.
Derselbe Jesaja, der hier Israel als unfruchtbaren Weinberg in die Kritik nimmt, sieht voraus, daß Gott mit seinem Volk zum Ziel kommt. Wiederum verwendet er hierfür das Bild vom Weinberg. In Kapitel 27 ist zu lesen: „Zu der Zeit wird der HERR heimsuchen mit seinem harten, großen und starken Schwert den Leviatan, die flüchtige Schlange, und den Leviatan, die gewundene Schlange, und wird den Drachen im Meer töten. Zu der Zeit wird es heißen: Lieblicher Weinberg, singet ihm zu! Ich, der HERR, behüte ihn und begieße ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe, will ich ihn Tag und Nacht behüten.“
Dem entspricht auch, was Johannes in seiner Offenbarung von der Überwindung der Schlange, vom Sieg über den alten Drachen und über die Obhut der Vollendeten durch Gott sieht.
Doch das ist ein anderes Thema.
Amen.
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