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Reformationstag     31. Okt. 2006

 

Predigt :  Pastor Alfred Sinn

 

Liebe Gemeinde,

 

„Freiheit“ soll das Stichwort dieses Gottesdienstes sein. Wir sind es gewohnt in Freiheit zu leben. Ein hohes Gut, das zu behalten wir bestrebt sein sollen. Das umsomehr, da es immer wieder Kräfte gibt, die die Freiheit der Menschen beschneiden wollen. Vor 70 Jahren lebten die Menschen in unserm Land nicht in Freiheit. Nicht alles durfte geglaubt und noch weniger gesagt werden. Ich bin in einem Land aufgewachsen, wo es noch vor 20 Jahren ähnlich war. Wir hatten uns sehr nach Meinungs- und Reisefreiheit, auch nach Religionsfreiheit gesehnt. Gottlob ist der Spuk vorbei.

 

Wir leben heute in einer Gesellschaft mit freier Meinungsäußerung und Wahlfreiheit in fast jeder Hinsicht. Von der Freiheit, die wir haben, konnten frühere Generationen nur träumen. In der deutschen Hymne ist die Freiheit neben Einigkeit und Recht verankert; es wird gemahnt: „Danach laßt uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand!“   Die Umsetzung gelingt, wenn auch Recht und Frieden zur Geltung kommen.  Das zeigt, daß Freiheit nicht ein Gut ist, das nur für sich steht, sondern sie steht in einer Wechselwirkung mit anderen Gütern und Faktoren. Wo Gewalt und Unrecht ausgeübt wird, kann auch die Freiheit nicht gewahrt werden.

 

»Ich bin so frei« und »Die Freiheit nehm’ ich mir« - diese Aussprüche sind ein Indiz für die Wertschätzung des Gutes „Freiheit“.  Auf der anderen Seite können die Aussprüche zu Floskeln verkommen, die dann auf eine bestimmte Lebenseinstellung schließen lassen, eine Lebenshaltung, die gut und gerne in Kauf nimmt, wenn der andere nicht dieselben Freiheiten genießt. „Ich bin so frei“ – diese Aussage findet ihre Einschränkung dort, wo ich die Freiheit des anderen verletze.  „Ich bin so frei“ – diese Aussage findet ihre Einschränkung dort, wo ich die Freiheit des anderen verletze.

 

„Freiheit“ – sie gilt längst nicht mehr für alle Bereiche des Lebens. Nicht alle jungen Menschen sind frei bei der Suche nach einer Lehrstelle; die Arbeitslosen freuen sich, wenn überhaupt ein Arbeitsplatz zu finden ist; die Alten und Kranken sind erst recht eingeschränkt in ihrer Wahlmöglichkeit. Und wenn wir an die Bedrohung durch den Terrorismus denken, stellt sich die Frage: Wieviel Freiheit können wir uns noch leisten? In Anbetracht solcher Gefährdung wird die Freiheit eingeschränkt, weil es Menschen gibt, die die Freiheit in einem demokratischen Staat mißbrauchen. Eine Gratwanderung.

 

Liebe Gemeinde, der Reformationstag eignet sich, um das große Thema Freiheit zu behandeln. Der Apostel Paulus schreibt den Galatern, 

 

Galater 5,1 – 6

 

1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und laßt euch nicht wieder

  das Joch der Knechtschaft auflegen!

2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden laßt, so wird euch Christus nichts nützen.

3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden läßt, daß er das ganze

  Gesetz zu tun schuldig ist.

4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen.

5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man

  hoffen muß.

6 Denn in Christus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas,

  sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

 

Das Anliegen des Apostels ist freilich nicht politischer Art, es geht ihm auch nicht um die Meinungs- oder Reisefreiheit. Er spricht hier von der Freiheit auf einer anderen Ebene.

Es geht um die Freiheit, die Christus gebracht hat. Es ist nicht die Freiheit zu dem, was uns wichtig ist:  freie Meinung, politische Aktivität, religiöse Betätigung, Reisefreiheit; sondern es ist die Freiheit von einer Bindung, die der Mensch von sich aus nicht lösen kann.  Es geht um die Freiheit von Sünde, Tod und Verderben. Freilich, aus solchem Freiheitsverständnis heraus haben Menschen sich schon immer z.B auch politisch betätigt.

Was der Apostel Paulus hier schreibt, war das große Thema der Reformatoren. Der Mensch kann vor Gott nicht bestehen aufgrund seiner Taten, sondern allein weil Gott ihm gnädig ist. Wer versucht durch das Gesetz gerecht zu werden, der fällt aus der Gnade. Mit Gesetz ist nicht irgendeine Satzung zu verstehen, auch nicht die zehn Gebote, sondern es ist das Verlangen des Menschen aus eigener Kraft und Bemühen Gott zu gefallen, die Tendenz, Gott zeigen zu wollen, wie er aus eigenen Kräften den Forderungen Gottes entsprechen kann. Freilich, das Halten der 10 Gebote kann auch ein Hinweis dafür sein. Siehste, Gott, das habe ich geschafft, und das gehalten und jenes ist mir gelungen usw.

Selbst die Frommen müssen sich fragen lassen: welches sind die Beweggründe für mein Denken, mein Handeln, für meinen Glauben? Warum lese ich täglich die Losung? Mit welcher Absicht bete ich? Will ich damit Gott zeigen, daß ich rechtschaffen bin? In dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner (Lk. 18) hat Jesus solcher Einstellung eine Abfuhr erteilt.  Martin Luther hat festgestellt: „In die Kirche gehen macht noch keine Christenleute…“.  Hierin sehen sich jene bestätigt, die schon immer der Meinung waren, der Kirchgang sei zum Christsein nicht notwendig. Doch der Reformator hat den Satz so fortgesetzt: „...aber Christen gehen in die Kirche.“  Sie gehen in die Kirche, weil sie um die Freiheit wissen, die Christus gebracht hat. Mit dem Kirchgang wird die Dankbarkeit hierfür zum Ausdruck gebracht.

 

Wer aus eigenen Werken und Verdienst gerecht werden will, der fällt aus der Gnade, der hat Christus verloren. Bei den Galatern war es die Beschneidung, die für die Rechtfertigung aus Werken stand. Die Galater sagten sich: kann ja nicht schaden.

 

Das gibt’s auch in unseren Gemeinden, Menschen wollen sich doppelt absichern. Ich bleibe in der Kirche und wende mich auch der Esoterik zu, kann ja nicht schaden.

Ich gehe nicht zum Gottesdienst, aber ich zahle meine Kirchensteuer, kann ja nicht schaden …

 

Es steckt tief in uns, daß wir aus eigener Kraft selig werden wollen. Wir wollen weder anderen noch dem Herrgott etwas schuldig bleiben. Paulus sagt: Du mußt dein Leben nicht aus eigener Kraft bewältigen; setz dich nicht so unter Druck. Laß dich hineinnehmen in die Freiheit, die Christus gebracht hat. Christus hat die Freiheit von der Selbstrechtfertigung gebracht.

 

Freiheit, Leute, es geht um die Freiheit. Deshalb hat Christus den Himmel verlassen und ist auf die Erde gekommen. Hört ihr, Christus hat euch befreit!  Im 3.Kapitel versteigt er sich zu der Aussage: „Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes“.

Es kann in der Tat eine Last und ein Fluch sein, wenn der Mensch ständig versucht, aus eigenen Kräften selig zu werden. Das darum, weil er stets erlebt, daß er scheitert. Dann setzt er von neuem an und erlebt wieder das Scheitern.

 

Im 1.Kapitel stellt der Apostel sich als Exempel hin. Er schildert sein Bekehrungserlebnis vor Damaskus. An ihm ist abzulesen, wie Christus von der Knechtschaft des Gesetzes befreit hat. Paulus hat sich überaus bemüht, Gott durch eigene Anstrengung genehm zu sein. Ähnlich hat es später Luther versucht. Er ist daran schier zugrunde gegangen. Doch auf einmal haben sich die Wolken gelichtet, er hat erkannt, daß Christus alles getan hat, damit wir Gott gefallen. Was von uns verlangt wird, ist, sich im Vertrauen dem Herrn hinzugeben. Lebt das, was an euch getan ist, was in euch durch Christus angelegt ist!

 

Doch komischerweise will so mancher Zeitgenosse diese Freiheit nicht haben, statt dessen will er frei sein von Gott. Doch auch das ist nichts Neues, auch das hat schon im Paradies begonnen. Der Teufel versuchte Adam und Eva nicht damit, daß sie stehlen, lügen, töten oder ehebrechen sollten; er versuchte sie mit dem Schlagwort: Seid so frei. Gott hat gesagt, du sollst nicht essen von diesem Baum. Nimm dir die Freiheit! Lebe unabhängig von Gott! Dann wirst du die wahre Freiheit erkennen und erleben.

Und der Mensch hat es versucht, ist aber kläglich gescheitert.  Damit geriet er in eine zerstörerische Abhängigkeit, in eine Abhängigkeit vom Tod.

 

Eine Grunderkenntnis der Reformatoren war: so frei sind wir gar nicht. Einem dienen wir immer. Luther betonte: »Der Mensch ist wie ein Lasttier: Wenn Gott darauf sitzt, will er und geht er, wie Gott will; wenn Satan darauf sitzt, will und geht er, wie Satan will. Von einem der beiden ist er immer »besessen«!  Das ist freilich eine harte Einschätzung. Doch für Luther gab es keinen Bereich des menschlichen Lebens, der nicht in einem geistigen und geistlichen Zusammenhang stünde.  Die neuere Hirnforschung scheint das zu bestätigen.

 

Es ist das Elend des Menschen – auch wenn er es nicht als solches erkennt – daß er frei sein will von Gott. Er will es immer wieder allein schaffen. Selbst im religiösen Gewand. Das bringt auch ein modernes Gedicht zum Ausdruck:


Mein Pastor freut sich, wenn ich komme,

nur ich und er sind wirklich »Fromme«!

Die andern sind zwar auch nicht übel,

doch ich hab schon die dickste Bibel.

 

Ich dien mit Augen, Herz und Händen

und füll den Korb mit meinen Spenden.

Ich liebe alle meine Feinde

und mäh den Rasen der Gemeinde.

 

Ich habe immer gute Laune

und spiel im Lobpreisteam Posaune,

gab meinen Kindern Bibelnamen

und bei der Predigt ruf ich: „Amen!"

 

Ich trage sonntags 'ne Krawatte,

die vor mir schon mein Vater hatte.

Mein Auto voller Fischaufkleber

beeindruckt unsem Nachbarn Weber.

 

Ich bin stets freundlich und bescheiden,

mich mag wohl jeder gerne leiden.

Ich sitz bei den Gemeinderäten

und kann auch ganz fantastisch beten.

 

Bei meinen vielen guten Werken

- das muss auch mein Erlöser merken -

ist es ja fast schon etwas schade,

daß ich errettet bin aus Gnade ...

 

Es bleibt dabei: die Rettung geschieht aus Gnade. Die Freiheit von der Abhängigkeit zum Tode hat Christus gebracht.  Auf diesem Hintergrund kannst du mit voller Überzeugung sagen: Ich bin so frei. Nun stellt sich die Frage: Wie lebe ich diese Freiheit? Welche Freiheiten nehme ich mir? Ein Leben in Freiheit ist nämlich mühevoller als ein Leben in Unfreiheit. Unfreiheit scheint sicherer und darum verlockender als die Freiheit. Ein Leben in Freiheit verlangt Verantwortung. Die erworbene Freiheit verpflichtet:  Denn in Christus gilt … der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ Das einzige Gesetz, das Paulus gelten läßt, ist das Gesetz der Liebe.

 

Die Freiheit ist also keine Bindungslosigkeit, sondern sie verweist auf Verbindungen.

Darum laßt uns die Freiheit und in Freiheit leben, indem wir gebunden bleiben an Gott und dem Nächsten.

Amen.