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1. Christtag           25.12.2006

 Predigt    Pastor Alfred Sinn

 

Johannes 3, 31 - 36

 

31 Der von oben her kommt, ist über alle. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über alle

32 und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an.

33 Wer es aber annimmt, der besiegelt, daß Gott wahrhaftig sei.

34 Denn welchen Gott gesandt hat, der redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist nicht nach dem Maß.

35 Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben.

36 Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

die Begriffe „oben“ und „unten“ spielen in diesem Abschnitt eine Rolle. Oben und unten, das kennen wir aus unserer Wirklichkeit. Es gibt Menschen, die leben „oben“. Es geht ihnen gut, sie haben keine Probleme und Schwierigkeiten, so die landläufige Meinung. Oben leben die Schönen und Reichen.  Unten leben die Armen und mitunter Ausgestoßenen.  Menschen, die „unten“ sind, haben nicht genug Geld, sie sind obdachlos, arbeitslos, können Rechnungen nicht bezahlen, wissen nicht, wie sie bis Monatsende durchkommen.

 

Diese Sicht beschränkt sich auf die Einordnung von oben und unten gemessen an der finanziell-materiellen Lage.  Doch diese Definition ist zu kurz gefaßt. Auch die Menschen, die viel Geld besitzen, haben ihre Probleme. Der Hunger der Seele ist mit materiellen Gütern nicht zu stillen. Umgekehrt wundern sich Europäer, die sich in einem Dritte-Welt-Land aufhalten, über die Zufriedenheit, die arme Menschen ausstrahlen.

 

Von „oben und unten“ sprechen wir auch in Bezug auf die Politik. Oben sind die Macher, unten jene, die das Gemachte ausbaden sollen. „Die da oben machen doch eh was sie wollen“. Diesbezüglich kommt wahrlich nicht alles Gute von oben. Und das Vertrauen geht mehr und mehr verloren. Eine nicht nur schwierige Lage, sondern auch eine gefährliche.

 

Mitunter gibt es auf der Erde zwischen oben und unten eine scharfe Trennung. Vermischung wird vermieden. In der Tat sind die Denk- und Lebensweisen so verschieden, daß eins mit dem andern nicht zusammenpaßt.

 

Nun spricht auch Johannes von einem unten und oben und bestätigt, daß es hierbei eine scharfe Trennung gibt. Hier geht es um Himmel und Erde, zwei Bereiche, die verschieden  sind und qualitativ voneinander geschieden.  Es gibt ein Oben und ein Unten, es gibt einen unendlichen Abstand zwischen denen im Himmel und denen von der Erde.

 

Zwischen oben und unten gibt es aus der Sicht des Johannes keine Verbindung. Wer unten ist, kommt nicht nach oben. Wer von unten ist, denkt von unten her.

 

Eine unaufhebbare Diskrepanz herrscht zwischen Erde und Himmel.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß wir von denen da unten sind. Wir sind von der Erde, das klingt ernüchternd. „Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde“, sagt Jesus. Es ist auch besser, wenn wir der Wahrheit ins Auge sehen, als daß wir uns Illusionen hingeben. Wir sind nicht Gott; wir sind auch keine Halbgötter - wir sind Menschen.  Es gibt in der Tat einen unendlichen Abstand zwischen Himmel und Erde. 

 

Sind nun die beiden für immer getrennt. Können sie sich gar nicht nahe kommen? Doch! Und eben das ist die Botschaft von Weihnachten. Die Bibel sieht unten und oben zusammenkommen. Es ist eine Tat Gottes. Die Kluft ist so groß, daß der Mensch von sich aus sie nie überbrücken könnte. Die Verbindung kann nur vom Himmel hergestellt werden. Weihnachten sagt, daß die Brücke gebaut ist.  Der Sohn Gottes, das Kind in der Krippe ist der  »Brückenbauer«, derjenige, der die Gegensätze »Himmel« und »Erde« überbrückt.

 

Mit dem Liederdichter Gerhard Tersteegen haben wir vorhin gesungen (EG 41) : „Sehet doch da: Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren... Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden... Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen.“  Gott kommt klein und zart, er setzt sich der Welt in einem Menschenkind aus.  Dietrich Bonhoeffer gibt zu bedenken: »Wie zur Beschämung der gewaltigsten menschlichen Anstrengungen und Leistungen wird hier ein Kind in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gestellt«.

 

Auch der Himmel muß den Atem angehalten haben. Eine schöne Geschichte beschreibt die Verwunderung der Engel so:

 

Der Himmel war ratlos. Kein Himmlischer wusste mehr, wie man den Menschen beikommen könnte, die für jegliche Geheimnisse des Himmels taub und blind geworden waren. Deshalb schickten sie ihren Obersten, den Engel Gabriel zu Gott, um von Ihm Weisung zu bekommen.

 

Während sie so warteten, wies eine Gruppe darauf hin, dass in früheren Zeiten die Erschütterungen der Erde und große Naturkatastrophen die Irdischen am ehesten nachdenklich gestimmt hätten. Doch einige erhoben dagegen Einspruch und meinten: Strafaktionen können doch keine himmlischen Mittel sein. Sie haben dem Ansehen vielmehr geschadet und den Himmel unglaubwürdig gemacht. Auch ist nach der großen Sintflut kein einziger besser geworden!

 

Da wäre es vielleicht sinnvoller, meinte eine andere Gruppe, in voller Ausrüstung den Irdischen gegenüberzutreten und sie mit Glanz und Gloria zu überwältigen, dass keiner mehr die Augen verschließen kann. Doch ein paar Kluge meinten: Das ist für die Irdischen doch nichts Neues. Sie agieren doch selber so und stellen ihre Machtdemonstrationen ins göttliche Licht.

 

Da meinte eine dritte Gruppe: Wie wär’s mit einem Fest. Seit die Irdischen blind geworden sind für uns, arbeiten sie nur noch und drehen sich endlos und ohne sich wirklich freuen zu können, um sich selbst. Ein richtig schönes himmlisches Fest mit allen Geschöpfen Gottes - das würde sie bestimmt verändern und ihnen auf ewige Zeiten in Erinnerung bleiben.  Ein paar Erfahrene aber wussten: Nein. Die Irdischen würden ihre Arbeit zwar für einen Augenblick unterbrechen. Aber dann bliebe doch wieder alles beim Alten.

 

Da wurde es plötzlich still. Gabriel war zu ihnen getreten und sagte: Ein Kind.  Und als ihn alle sprachlos anschauten, wiederholte er: Ein Kind. Er gibt ihnen ein Kind. Das ist seine Antwort  auf die Entfremdung der Menschen. Da begegne ich ihnen auf Augenhöhe, hat Er gesagt. Das ist Sein Angebot an alle.

 

 Die Engel blieben aus Respekt vor dieser Entscheidung eine Weile still. Aber dann hagelte es Proteste. Die wollen doch kaum noch Kinder. Kinder sind unerwünscht, stören, hindern die eigene Entfaltung. Durch ein Kind werden sie nicht verwandelt.  Gabriel sagte: Es soll diesmal anders sein. Er will den Himmel verlassen und als dieses heranwachsende Kind ihnen nahe sein.

 

Ein Engel murmelte nur: Sie werden ihn töten, dann wird Er tot sein. Gabriel sagte leise: Er will da durch.  Laut aber sagte er:  Seht zu, dass das Experiment gelingt, es ist das letzte. Der größte Teil von Euch bildet jetzt den Chor der himmlischen Heerscharen. Einige müssen los, um die Herzen von Menschen zu erreichen.

 

Solch eine Geschichte liest sich freilich leichter als die Worte im Johannesevangelium. Wenn man das Johannesevangelium und das Lukasevangelium miteinander vergleicht, stellt man fest, daß die Sprache des Johannes schwerer ist als jene des Lukas.

Die Ausdrucksweise des Johannes ist mit dem Verstand schwer zu fassen. Worte und Bilder gehen über das Begrifflich-Gegenständliche weit hinaus - und sprechen doch tief die Seele an.  Das Johannesevangelium schildert die Überbrückung  aus der Sicht von oben. Das Lukasevangelium erzählt uns die Geschichte von unten. 

 

In der Weihnachtsgeschichte, wie sie uns von Lukas bekannt ist, müssen sich Menschen auf den Weg machen, weil die Mächtigen es wollen. Die Politik oben wollte das so. Die da oben sitzen, können Massen in Bewegung setzen.  Weitere Aspekte für die Geschichte von unten sind der Stall und die Hirten. Ein Kind wird in der Dunkelheit eines Stalles geboren. Hirten, die an der untersten Stufe der Gesellschaftsleiter leben, gehen zu dem Kind und seinen Eltern.

 

Aber auch bei Lukas gibt es die andere Seite, nämlich die Sicht der Dinge aus der Warte des Himmels. Der römische Kaiser kann Völker in Bewegung setzen. Der Herrscher Himmels  und der Erde vermag das ganze Universum zu bewegen! Die Himmelssterne dienen ihm, sie müssen als Zeichen für das außerordentliche Ereignis herhalten. Das erregt die Aufmerksamkeit von Magiern, also von Leuten, die nicht nur astronomisch sich  betätigen, sondern auch astrologisch.  Dann sind da noch die Engel, Wesen aus der höheren Sphäre, die irdischen Geschöpfen die heilige Geburt ankündigen müssen.

Auch diese unsere Krippendarstellung in der Kirche steht zeichenhaft für die Verbindung von oben und unten. Esel, Ochs, Maria, Joseph, die Hirten, die Weisen – sie gehören zur Kategorie des unten. Die Engel, der Schein und vor allem das Kind – sie sind Vertreter des oben. Denen da unten erschließt sich das Geheimnis der Weihnacht in der Anbetung, also indem sie sich nach oben richten. Das ist die rechte Weise, um dem Geheimnis des Kommens Gottes in diese Welt zu begegnen.

 

Manche sehen den Sinn dieser Festzeit in Weihnachtsfeiern, Seelenstimmung,

Familienzusammenführung, Konsum, Geschenke machen. Das alles sind Richtungen des „unten“. Liebe Leute, vergeßt die wahre Bedeutung von Weihnachten nicht.

 

Es war für mich erschreckend in den Tagen vor Weihnachten zu hören, daß Konfirmandeneltern sich darüber beschweren, daß ihre Kinder  just an Heiligabend ein Krippenspiel aufführen sollen. Weihnachten sei doch das Fest der Familie.  

 

Ja, freilich ist Weihnachten ein Fest der Familie, aber in erster Reihe der heiligen Familie. Nur weil es diese Geburt in Bethlehem gab, weil der von oben nach unten gekommen ist, könnt ihr solche schönen Feste feiern. 

 

Wir können Gottes Reden mit der Welt nicht einfach so im Vorbeigehen mitnehmen. Dieses Geheimnis berührt uns nur, wenn wir uns ihm aussetzen, wenn wir ihm anbetend begegnen. Hier können wir von den Hirten und Weisen lernen.

 

Wir brauchen das, da wir Menschen sind, die ihren Schöpfer aus dem Blick verloren haben. Wir sind Menschen, die von der Sünde geblendet und irregeleitet sind. Von uns aus kennen wir das Ziel nicht und merken gar nicht, wie verkehrt wir sind. Wir sind in Gefahr verloren zu gehen. Von Ihm aber werden wir aufgerufen, die Blickrichtung zu ändern. Vom Himmel hoch - von dort kommt das Leben! Weihnachten ist die große Rettungsaktion Gottes. „Welt ging verloren, Christ ist geboren“.  Weihnachten ist der Durchbruch Gottes von oben nach unten.  »Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.«  heißt es einige Verse vorher in diesem Kapitel. (V. 16) 

 

Der Sohn gibt seine Herrlichkeit beim Vater vorübergehend auf, um ganz bei den Menschen zu sein und als Gottes Gesandter Zeugnis für Gott abzulegen. Er berichtet von Gott aus erster Hand. 

Augustinus schreibt hierzu: »Denn Gott bleibend bei dem Vater, ist er Mensch geworden bei den Menschen, damit du durch den, der für dich Mensch geworden ist, ein solcher würdest, der Gott erfaßt. Denn der Mensch konnte Gott nicht erfassen; der Mensch konnte den Menschen sehen, Gott konnte er nicht erfassen. Warum konnte er Gott nicht erfassen? Weil er das Auge des Herzens, womit er ihn hätte erfassen können, nicht hatte. Es war also etwas innerlich krank, und etwas äußerlich gesund; die körperlichen Augen waren gesund, die geistigen Augen waren krank. Es wurde der Sohn Mensch für das körperliche Auge, damit du durch den Glauben an den, den man körperlich sehen konnte, geheilt würdest, um den zu sehen, den du geistig nicht sehen konntest.«

 

Man kann das Jesuskind und auch den erwachsenen Jesus links liegen lassen, doch dann verzichtet man für sich auf die Brücke von unten nach oben.

Freilich gibt es solche Menschen, die gern und gut auf Jesus verzichten. Die gab es von Anfang an. Johannes bezeugt es schon im 1.Kapitel: „Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf“ . (V.11)  In diesem Abschnitt wird auch bedauernd festgestellt: „Und sein Zeugnis nimmt niemand an“. (V.32) 

 

Und doch, es gibt auch solche, die sein Zeugnis annehmen. Das wird wiederum in beiden Kapiteln belegt. Im 1.Kap. lautet es so: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden“; und hier wird festgehalten: „Wer das Zeugnis annimmt, der besiegelt, daß Gott wahrhaftig ist“.  Ein Siegel ist Dokumentation und Erkennungszeichen, ist Bestätigung und Vertrag. Wer also an Jesus als den Heiland glaubt, geht mit Gott einen Vertrag ein. Gott verpflichtet sich, das ewige Leben zu geben und der Mensch verpflichtet sich, Zeugnis abzulegen von der Brücke zwischen oben und unten.  

 

Laßt uns das tun, auch dann wenn die Feiertage vorbei sind.

Amen.