4. Sonntag nach Trinitatis 9.Juli 2006
mit 4 Taufen
Predigt : Pastor Alfred Sinn
Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilien,
vier Kinder sollen heute durch die Heilige Taufe der Kirche hinzugefügt werden. Die Kirche wird in der Schrift mit einem Gebäude verglichen, mit einem Schiff. Jesus spricht vom Weinstock und seinen Reben. Der Apostel Paulus bringt das Bild vom Leib und seinen Gliedern. In der Tat: die Kirche ist der Leib Christi.
Es handelt sich also bei der Kirche nicht allein um eine Organisation, sondern um einen Organismus. Ein Organismus ist etwas Lebendiges, eine Organisation kann starr sein, muß es aber nicht. Die Kirche ist beides: ein Organismus, der aus lebendigen Menschen besteht und eine Organisation, die Strukturen hat und mit Verwaltung zu tun hat. Ein Zusammenschluß von Menschen, eine Zusammenkunft von Menschen muß in irgendeiner Weise auch organisiert und verwaltet werden. Wer möchte, daß Kirche ohne organisatorische Strukturen auskommt, der muß auch darauf verzichten, daß z.B. Taufurkunden ausgestellt werden, Seniorenfahrten geplant werden oder Mitarbeiter beschäftigt werden.
Kirche kann als lebendiger Organismus nur dann bestehen, wenn die Menschen, die zu ihr gehören, bereit sind, sich mit ihrem Leben in ihr einzubringen. Zu einem Organismus gehört auch, daß er wächst. Er ist im Werden begriffen, reift heran, verändert sch auch. Jeder macht diese Erfahrung Jahr für Jahr am eigenen Leib.
Liebe Taufeltern, eure Kinder werden mit der Taufe einem lebendigen Organismus hinzugefügt. Sie sind dann Glied eines Leibes, der ist und der wird. Wenn euch diese Sprache komisch vorkommt, bedenkt, daß auch euer Kind ist und wird. Das Kind ist ein Mensch und wird zum Menschen, es ist also in einer Entwicklung begriffen. Euer Kind ist fertig und doch noch nicht fertig.
So auch in Glaubenssachen: wenn wir getauft sind, ist der Anfang für eine Entwicklung gelegt. Die Konfirmation ist eine weitere Etappe aber keineswegs der Abschluß, die Reifung geht weiter. Sie wird aber nur zustande kommen, wenn man sich mit der Sache beschäftigt und dran bleibt.
Wenn Glieder des Leibes Kirche sich von diesem Organismus entfernen, kann Kirche nicht lebendig bleiben. Das wird sich freilich auch auf die Organisation auswirken. Wenn Glieder am Leib Christi sich vom Haupt lossagen, kappen sie die Verbindung zu ihrer Wurzel und berauben sich ihrer eigenen Lebensgrundlage. Darum hat Jesus nicht nur verheißen: „Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden“, sondern auch gewarnt: „Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“ (Mk 16,16). Das will heißen: die Taufe nutzt dir überhaupt nichts, wenn du nicht auch im Glauben annimmst, worauf du getauft bist. Die Beliebigkeit und Unverbindlichkeit hat eben auch ihren Preis. Die Stunde des Todes wird die Stunde der Wahrheit sein.
Liebe Eltern und Paten, ihr übernehmt bei der Taufe eurer Kinder Verantwortung. An euch ergeht ein Wort und ihr antwortet darauf. Ihr verpflichtet euch, eure Kinder christlich zu erziehen, das heißt, sie sollen sich bewußt werden, daß sie Glieder an einem
Leib sind. Lebt ihnen das Christsein vor. Dafür, wie ihr das tut, werdet ihr euch vor dem höchsten Gericht verantworten müssen.
Im Lexikon steht zum Stichwort „Verantwortung“ geschrieben: „Verantwortung ist die ethische Entscheidung und Bereitschaft eines Menschen, für sein Wollen und Handeln sowie für dessen Folgen einzustehen. Verantwortung kann man für etwas oder jemand haben. Sie kann aber auch Verantwortung vor jemand sein, dem gegenüber eine Verpflichtung besteht. In der christlichen Ethik entsteht die Verantwortung aus dem Ergriffenwerden durch Gottes Wort und verlangt die Bindung des Glaubenden daran. Der Mensch wird zum Täter des gehörten Wortes, er gibt seinen freien Willen hin, weil er sich für Gottes Willen entschieden hat.“
Liebe Gemeinde, als Christen haben wir auch eine Verantwortung gegenüber der Welt. Aus der einen Lesung haben wir gehört, wie Paulus die Christen ermahnt: 1.Petrus 3,15:
Heiligt den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.
Christen sind gerufen, Zeugnis abzulegen von ihrer Hoffnung. Zum Christentum gehört die Mission. Wir vertreten die Lehre der Bibel. Sie beschäftigt sich mit den Lebensfragen: Wozu sind wir auf der Welt? Was zählt wirklich im Leben? Worauf setze ich meine Hoffnung? Das sind ja nicht nur Kinder -, sondern Menschheitsfragen.
Christen müssen deutlich machen, welche Antworten sie geben. Zu den Lebensfragen haben wir Antworten. Nun kommt es auch darauf an, wie wir Antworten geben.
Ich kann so vorgehen, daß ich sage: Die Bibel berichtet, daß Gott die Welt an sechs Tagen erschaffen hat; sie erwähnt den Noah, den Abraham; sie erzählt vom hebräischen Volk in der Knechtschaft. Die Bibel berichtet von Jesus, von der Mission der Apostel. Das ist Faktenwissen, doch auf diese Weitergabe allein kommt es nicht an. Es stellt sich die Frage, welchen Schluß ziehe ich daraus? Was ist meine persönliche Überzeugung?
Eins ist, wenn ich sage: Jesus wurde in Bethlehem geboren und ist in Jerusalem gekreuzigt worden. Das ist Grundlagenwissen. Ein anderes ist, wenn ich bekenne: Das Jesuskind in der Krippe ist mein Heiland; der Mann am Kreuz ist für meine Sünden gestorben. Das ist persönliche Überzeugung. Das liegt auf der gleichen Schiene wie die Aufforderung des Petrus: Heiligt den Herrn Christus in euren Herzen. Seid bereit zur Verantwortung. Diese beiden Sätze gehören zusammen. Sie beweisen, daß Religion nicht allein Privatsache ist.
Wenn bloß der erste Satz vorkäme „Heiligt Christus in euren Herzen“, könnte man zu Recht sagen: mein Glaube ist eine Herzensangelegenheit und geht die anderen nichts an. Doch nein, es kommt der zweite Satz dazu: Seid bereit zur Verantwortung. Sagt welches eure Hoffnung ist. Unsere Hoffnung und Zuversicht ist, daß wir das Ziel, das Gott uns gesetzt hat, erlangen. Die Garantie gibt uns Gott in seinem Wort. Die Taufe ist sichtbares Zeichen hierfür.
Liebe Eltern, ihr wißt, daß Kinder neugierig sind. Bevor sie sprechen können, erkunden sie krabbelnd ihr Umfeld. Alles wird inspiziert, meistens das, was die Großen nicht wollen. Und wenn sie sprechen können, fragen sie uns Löcher in den Bauch: Warum ist dies so, warum ist jenes anders? Lirum, larum Löffelstiel, kleine Kinder fragen will.
Kinder sind auch in religiösen Sachen neugierig. Mama, woher kommen die Kinder? Papa, wo wohnt der liebe Gott? Kann er auch Müsli essen? Falsch wäre es, auf die Fragen nicht einzugehen.
Heinz Rudolf Kunze hat zum Motto des Kirchentages 2005 in Hannover „Wenn dein Kind dich morgen fragt“ ein Lied geschrieben, das so lautet: „Wenn dein Kind dich morgen fragt, wozu sind wir auf der Welt, wenn es anfängt, sich zu wundern, wenn es wissen will, was zählt, dann bleib nicht die Antwort schuldig, fällt sie dir auch manchmal schwer.“
Liebe Eltern, eure Kinder werden euch fragen. Stellt euch ihren Fragen! Seid bereit zur Verantwortung auch euren Kindern gegenüber. Sie fordern von euch Rechenschaft. Über eure Kinder habt ihr die Möglichkeit, euch neu mit dem Glauben zu beschäftigen. Und wo ihr nicht weiter wißt, kann euch die Kirche helfen.
Heute wird die Kirche durch diese Täuflinge anwachsen. Sie werden, zusammen mit euch, zum Leib Christi gehören. Helft euren Kindern, daß sie auch den Herrn Christus im Herzen heiligen und mit dem Munde bekennen.
Durch uns will Christus in dieser Welt wirken. Was die Ordensfrau Teresa von Avila im 16. Jahrhundert gesagt hat, wäre auch heute zu beherzigen: „Christus hat jetzt keinen anderen Leib als euren, keine Hände außer eure. Eure Augen sind es, durch die Christi Erbarmen auf die Welt schaut. Mit euren Füßen geht er umher und tut Gutes. Mit euren Händen will er uns jetzt segnen.“
Amen.
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