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17.Sonntag nach Trinitatis       8.Oktober 2006

mit dem Posaunenchor

Predigt :  Pastor Afred Sinn

 

Liebe Gemeinde!

 

Was tun wir, wenn sich Besuch anmeldet, wenn gar hoher Besuch im Anmarsch ist? Nicht wahr, wir stellen uns auf den Besuch ein. Wir wollen gute Gastgeber sein.  Es wäre uns peinlich, wenn wir Besuch einladen und nichts anbieten. Zusammen essen und trinken stärkt die Gemeinschaft. 

Jesus hat sich gerne einladen lassen, er hat sich sogar selber bei anderen eingeladen. Er saß mit unterschiedlichen Menschen zusammen, er aß mit Pharisäern und er aß mit Zöllnern. 

"Die Füchse haben Gruben, die Vögel haben Nester. Doch der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege", mit diesen Worten verwies Jesus auf sein unstetes Leben, als ihm einer nachfolgen wollte.  Er fand dann doch Menschen, die ihn beherbergten und beköstigten. So zu lesen auch im folgenden Abschnitt bei

 

Lukas 10, 38 - 42 

 

38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.

39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.

40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und

   sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll!

41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge

   und Mühe.

42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen  werden.

 

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. In einem Dorf kehrt er bei den Schwestern Marta und Maria ein. Aus dem Johannesev. erfahren wir, daß es das Dorf Bethanien ist. Der Bruder Lazarus wird von Lukas nicht erwähnt.

 

Wie es bei Geschwistern so ist, sind auch diese beiden verschieden. Wie unterschiedlich sie Schwerpunkte setzen, ist diesen Versen zu entnehmen. Wir sehen Marta hin- und herlaufen, sie deckt den Tisch, sie bereitet das Essen zu, sie ist sehr geschäftig. Sie will eine gute Gastgeberin sein. Maria dagegen hört dem Gast zu, sie läßt sich nicht aus der Ruhe bringen. Darüber ärgert sich Marta, ihr platzt der Kragen: Jesus, sag du ihr doch, daß sie mir helfen soll.  

 

Das, was sich zwischen Maria und Marta abspielt, kennen wir auch aus unseren Familien.  Die eine weiß nicht, wo ihr der Kopf steht vor lauter Hantieren, der andere ist die Ruhe selbst. Zwischen Mann und Frau kann es schnell darüber zu  einer  

 

Auseinandersetzung kommen. „Ich renn mir die Hacken ab, weiß gar nicht, was ich zuerst anpacken soll und du machst dir einen guten Lenz!“ In der Tat, was die Hausarbeit betrifft, haben die Männer einen anderen Blick als die Frauen.

Sollte es stimmen, daß die Männer erst dann Verständnis für die Kocherei der Frau haben, wenn das Essen fertig auf dem Tisch steht? Nun, so kraß wird es nicht sein; und doch gibt es auf diesem Feld immer wieder Reibereien.

 

Doch auch zwischen Mutter und Kindern kommt es hinsichtlich der Hausarbeit zu Streit.  Die Mutter räumt hinter dem Kind alles auf und ärgert sich darüber, daß das Kind die Sachen liegen läßt.  Das Liegenlassen hört bald auf, wenn das Kind angehalten wird, selber aufzuräumen. 

"Mutter, mach doch bitte die Tür zu, ich kann nicht sehen, wie du dich abrackerst!", so kann es aus dem Munde des jugendlichen Sohnes klingen, während er selber die Füße hochlegt.

 

Kommen wir zurück zu Maria und Marta.  Redet Jesus hier typisch Mann? Die Frauen dienen, die Männer diskutieren?  Auf die Geschlecherthematik und  Geschlechter-porblematik soll hier nicht näher eingegangen werden.

 

In vielen Auslegungen zu diesem Text schneidet Marta nicht gut ab. „Maria hat das gute Teil erwählt“ – das wird hervorgehoben.  Es wird festgestellt, daß Jesus nicht gerade taktvoll mit Marta umgeht. Wir würden uns als Gast diplomatisch zurückhalten. Nicht so Jesus, er hat seine Gastgeber nicht immer mit Samthandschuhen angefaßt. Aber nicht, weil er gering vom Gastgeber dachte, sondern weil er ihn schätzte, bzw. eine bestimmte Sicht der Dinge eröffnen wollte. 

 

Auch hier ist es so, daß Jesus das Tun der Marta nicht abwertet. Freilich, es ist Marta, die den Widerspruch Jesu herausfordert. Jesus will nicht die eine Schwester gegen die andere ausspielen.  Wenn Jesus sagt: Maria hat das gute Teil erwählt, bedeutet das nicht, daß Maria  zu Marta  sagen darf: Siehst du, ich mache es richtig und du nicht.  Marta wird nicht getadelt, weil sie soviel getan hat, sondern weil sie sich über ihre Schwester ärgert, weil sie vor lauter Geschäftigkeit nicht erkennt, was für Maria jetzt dran ist.

Wenn Maria sich über Marta beklagt hätte: Herr, sag doch meiner Schwester sie soll sich zu uns setzen, sie macht sich viel zu viel zu schaffen, hätte Jesus wohl Marta in Schutz genommen und gesagt: Maria, Maria, du hast viel Muße, doch bedenke die Arbeit muß auch getan werden.

 

Liebe Gemeinde, es kommt auf die Situation an. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, er geht in den Tod. Für Maria ist es die letzte Chance, Jesus zu hören. Für sie ist darum das Zuhören in diesem Moment das allerwichtigste. Als Jesus von der Sünderin im Haus des Pharisäers Simon gesalbt wurde (Lk.7), hat Jesus nicht gesagt: Setz dich erst mal hin und hör zu. Er hat sie gewähren lassen, denn diese Tat war zu dem Zeitpunkt angebracht.

Jesus meint mit seiner Antwort nicht, daß es in jedem Fall richtiger ist, sich hinzusetzen und zu genießen, während andere in der Arbeit  stecken. Doch es kann auch Zeiten geben, in denen das Hören wichtiger ist als das Handeln.

 

Wann ist die Zeit zum Hören, wann ist die Zeit zum Wirken? Es müssen die Umstände berücksichtigt werden.  Im Abschnitt davor finden wir die Erzählung vom barmherzigen Samariter. Der Priester und der Levit gingen am Verletzten vorüber. Könnten sich die

 

beiden auf die Antwort Jesu an Marta berufen: Eins ist not, wir müssen schnell zum Tempel gelangen, dort wollen wir die Worte des Propheten Jesaja hören. Nein, die

beiden haben versagt, weil sie nichts getan haben.  Sagt nicht auch Jakobus (1,22): „Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein, sonst betrügt ihr euch selbst“!

 

Es gibt im Leben, es gibt bei der Begegnung mit Gott Gelegenheiten, die man beim Schopf packen muß, weil sie nicht wiederkehren. Für den Levit und Priester wäre es das Handeln gewesen, für Maria war es das Hören.

 

In der mittelalterlichen Theologie sprach man von der vita activa und der vita contemplativa. Die vita activa ist das tätige Handeln (Nächstendienst), die vita contemplativa die Meditation, das Gebet (Gottesdienst). Es handelt sich dabei nicht um zwei Arten von Frömmigkeit. Beide vitae (Lebensweisen) gehören zusammen, wie schon die noch ältere Lebensregel sagt: ora et labora (bete und arbeite).  Aktion und Kontemplation ergänzen sich, sind zwei Seiten einer Ganzheit.

 

Der Rat Jesu: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit“ (Mt.6,33) enthebt den Menschen nicht der Verantwortung für die Dinge des täglichen Bedarfs Sorge zu tragen. Notwendig ist, daß der Wille Gottes getan wird. Das kann mal in der vita activa sein, mal in der vita contemplativa.

 

Es liegt kein Segen darauf, wenn man das Wort Gottes hört, dem Nächsten aber in seiner Not nicht hilft. Es liegt aber auch kein Segen darauf, wenn man glaubt „keine Zeit“ für den sonntäglichen Gottesdienst zu haben. Auch ein Pastorenkonvent oder ein Kirchenvorstand gewinnt nicht, wenn er meint Zeit einzusparen, indem auf die Andacht verzichtet wird.

 

Der Gottesdienst ist die  Zeit zum Hören. An den Werktagen wurde doch genug geschafft. Im Gottesdienst kannst du Maria sein, am Werktag Marta.  Und beides mögest du als Einheit sehen. Gäbe es in einer Kirchengemeinde nur Marias, dann wäre sie wohl eine sehr fromme und innerliche Gemeinde, aber es stünde vielleicht schlecht um die Menschen, die Hilfe brauchen, es stünde vielleicht schlecht um die kirchlichen Gebäude. Und gäbe es nur Martas, dann geschähe in einer Gemeinde zwar nach außen hin sehr viel. Die Gemeinde wäre sehr aktiv.  Aber Gott und die Seele kämen zu kurz. Zuletzt wüßten viele gar nicht mehr, wofür sie sich eigentlich einsetzen.

Beide, die Martas und die Marias, stehen in der Gefahr, einseitig zu werden. Maria braucht Marta und Marta braucht Maria. Beide bleiben füreinander eine Anfechtung, aber auch Korrektiv und Bereicherung.  Beide bedürfen der Rechtfertigung durch Gott.

 

Marta will Jesus etwas geben; dabei will Jesus sie doch beschenken. Marta will Jesus Speise geben. Dabei gilt auch für sie was Jesus zu einer anderen Frau gesagt hat: „Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk“ (Joh. 4,34).

Das Johannesevangelium (Kap.11) berichtet, daß beide Schwestern auch die jeweils andere Seite haben. Dort ist es Maria, die daheim bleibt, während Marta Jesus entgegeneilt. Sie ist es, die die Worte Jesu vernimmt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ Und sie ist es, die das Bekenntnis spricht: „Ich glaube, daß du der Christus bist, der Sohn Gottes.“

 

 

Liebe Gemeinde, Hören und Handeln schließen sich nicht aus. Freilich, es kann uns auch passieren, daß unser gut gemeintes Handeln am Ziel vorbeigeht, wenn wir nicht zuvor für das Hören bereit sind, wenn wir uns nicht dafür interessieren, was der andere von

uns will, was derjenige uns zu sagen hat, für den und in dessen Namen wir das Ganze machen.   Ein alter Pfadfinderwitz bringt das auf den Punkt.

Wir haben in unserer Kirchengemeinde eine Pfadfindergruppe. Die Pfadfinder lernen durch Zuhören, aber auch, indem sie was tun. Den Pfadfindern wird gesagt: Bis zur nächsten Woche soll jeder eine gute Tat vollbringen! Bei jedem Treffen berichten sie dann von ihren Taten, aber auch von den Versäumnissen.

 

Nun zu dem Pfadfinderwitz. Er macht deutlich, wohin es führen kann, wenn nicht auch zugehört wird:

Die Pfadfinder sind ganz eifrig bei der Sache. Beim nächsten Treffen sind alle bis auf Fritzchen da und erzählen von ihren guten Taten (der eine hat seiner Mutter geholfen, die andere die kleine Schwester getröstet, noch ein anderer hat seinem Opa aus der Zeitung vorgelesen, und so weiter). Fritzchen kommt verspätet dazu, total zerkratzt und zerzaust und mit zerrissenen Kleidern. Der Leiter fragt: „Sag mal, wie siehst du denn aus?!“ Fritzchen meint: „Wir sollten doch eine gute Tat vollbringen, und das habe ich gerade gemacht: Ich hab einer alten Frau über die Straße geholfen!“ „Prima, du bist ein hilfsbereiter Mensch, aber warum bist du denn dann so zerkratzt und zerzaust?!“ „Na, was meinen Sie, was das für eine Arbeit war – die Alte wollte nicht!“

 

Liebe Gemeinde, die Begegnung Jesu mit den beiden Schwestern hat ein offenes Ende. Insofern sind wir gefordert, auf die Situation zu achten. Einmal muß ich zupacken, ohne lange nachzudenken und hin und her abzuwägen. Das andere Mal muß ich wieder alles stehen und liegen lassen, stille sein und hören, um meinetwillen und um Gottes willen.

 

Daß wir beides auseinanderhalten können und auch zur rechten Zeit das Rechte tun, das schenke uns Gott.

 

Zum Schluß noch  ein Lied als Zitat, ein Lied, das wir in unserem Kindergottesdienstheft haben und immer wieder singen:

 

Herr, gib uns Mut zum Hören, auf das, was du uns sagst.

Wir danken dir, daß du es mit uns wagst.

 

Herr, gib uns Mut zum Leben, auch wenn es sinnlos scheint.

Wir danken dir, denn  du  bist  uns  nicht  feind.

 

Herr, gib uns Mut zum Glauben an dich, den einen Herrn.

Wir danken dir, denn  du  bist  uns  nicht  fern.

 

Herr, gib uns Mut zum Dienen, wo's heute nötig ist.

Wir danken dir, daß  du  dann  bei  uns  bist.

 

Herr,  gib uns Mut zur Stille, zum Schweigen und zum Ruhn.

Wir danken dir, du willst  uns Gutes tun.

Amen.