T o t e n s o n n t a g 26.11.2006 Süderhastedt
Predigt: Pastor Alfred Sinn
Jesaja 65, 17-19.23-25
17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, daß man
der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,
19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.
23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.
24 Und es soll geschehen: ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muß Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.
Liebe Gemeinde,
wahrlich paradiesische Zustände werden hier geschildert. Wolf und Schaf werden beieinander sein, ohne daß der Wolf das Schaf auffrißt. Der Löwe wird kein Raubtier sein, sondern grasen wie das Rind. Im 11.Kap. ist dieses Bild noch reicher ausgestaltet: Kühe und Bären werden zusammen weiden; ein Knabe treibt Kälber und Löwen zur Weide, Kinder spielen am Loch der Natter. In der neuen Welt besteht also keine Lebensgefahr. Gerne werben die Zeugen Jehovas mit dieser Aussicht für ihre Organisation und verteilen Schriften, auf deren Titelseite dieses harmonische Bild zu sehen ist. Immerhin haben diese Menschen einen Ausblick, eine Hoffnung.
Und wie steht es bei uns? Mitunter hat man den Eindruck, daß mancher Christ aus der Volkskirche sich mit dem begnügt, was diese Erde so bietet. Ohne Zweifel, es ist eine schöne Welt, die Gott uns gegeben hat. Doch sie ist allenthalben gezeichnet vom Vergehen. Gerade auch deswegen sind wir heute hier. Ihr, die Trauernden, beklagt den Tod eines lieben Menschen. Ihr habt die Vergänglichkeit in eurem Hause erlebt, ihr habt erfahren, daß der Mensch keine bleibende Stätte auf dieser Welt hat. An diesem Tag erleben wir so etwas wie kollektive Trauer. Resignation kann sich breit machen.
Doch als Christen sollten wir nicht darin stecken bleiben. Gott eröffnet uns in seinem Wort einen großartigen Ausblick. Wir haben Hoffnung, und zwar begründete Hoffnung, Hoffnung, die sich erfüllen wird. Und so beschränken wir uns an diesem Tag nicht auf das Totengedenken, sondern wir predigen die Ewigkeit. Das ist das Ziel, das Gott uns gesetzt hat. Wenn unsere Toten dort ankommen, dann wird es gut um sie stehen.
Es geht mit dem heutigen Tag um den trostvollen Zuspruch im Zeichen des neuen Himmels und der neuen Erde.
Es ist ein großartiges Bild, das schon Jesaja in seiner Vision von der Vollendung zeichnet. Wir kommen damit an die Grenzen unserer menschlichen Vorstellungskraft. Kein Wunder, sind wir doch gefangen in der Dimensionalität dieses Lebens, ein anderes können wir nicht fassen, es sei denn im Glauben und in der Hoffnung.
Für viele Menschen ist diese Botschaft unglaublich und dennoch faszinierend. Sie beflügelt die Phantasie, sie regt zum Nachdenken an, setzt künstlerische Kreativität frei. Große und kleine Künstler kommen um die Bibel nicht herum. Maler, Komponisten, Dichter, Architekten, Sänger – jeder, der für sich in Anspruch nimmt, in die Tiefe gehen zu wollen, wird irgendwann biblische Aussagen in seinem Schaffen reflektieren.
Auch die Künstler unserer Zeit kommen um diesen Bezug nicht herum. Ob es Maler, Sänger oder Bildhauer sind. Vor einigen Wochen haben unsere Konfirmanden den Gottesdienst gestaltet; sie haben biblische Gleichnisse als Rap vorgestellt.
Richtige Rapper haben auch schon bei der Bibel Anleihe gemacht. Die Rapperin Sabrina Settlur beschäftigt sich in einem ihrer Lieder mit den Aussagen der Bibel über die Vollendung. Sie fordert heraus:
Ich will sehen, wie sein Zelt bei den Menschen ist und er bei ihnen weilt. Das will ich sehen …
Ich will sehen, wie Wolf und Lamm
einträchtig weiden und der Löwe Stroh frißt …
Ich will sehen, wie kein Schaden gestiftet wird oder irgendein Verderben auf seinem ganzen heiligen Berg. Das will ich sehen.
Ich will sehen, wie er Kriege aufhören lässt bis an das äußerste Ende der Erde. Das will ich sehen.
Ich will sehen, wie sie ihre Schwerter
zu Pflugscharen schmieden Das will ich sehen.
Ich will sehen, wie er jede Träne
von ihren Augen abwischt und der Tod nicht mehr ist ...
Ich will sehen, wie die Stunde kommt, in der alle, die in den Gedächtnisgruften sind seine Stimme hören
und heraus kommen ...
Ich will sehen, wie das Meer diejenigen Toten herausgibt,
die darin sind.
Und der Tod und der Hades
diejenigen Toten herausgeben, die darin sind. Das will ich sehen.
Ja, das will ich auch sehen!, werden nun die Zweifler denken. Das ist unvorstellbar, das ist unglaublich!
Gestern war ich wieder vertieft in solchen Gesprächen. Es ist erstaunlich, wie unsere Christen ihre eigene Religion hinterfragen. Auf der anderen Seite erkenne ich eine tiefe Suche darin, die Sehnsucht nach dem Gelingen des Lebens. Die leuchtenden Augen bei solchen Fragen belegen, daß hinter der ablehnenden Haltung zu biblischen Aussagen mehr steckt.
Liebe Gemeinde, liebe Trauernde, wir sollen nicht nur auf das sehen, was ist, sondern auch auf das, was sein wird. Das Neue wird zur Vollendung kommen. Die ursprüngliche gute Schöpfung Gottes wird wieder hergestellt werden. Es geht um das geheilte Verhältnis zu Gott, um die Verwandlung in den Heilszustand.
Jesaja schildert das im Miteinander von Tier und Tier, von Mensch und Tier. Das friedliche Miteinander deutet auf die Verwandlung des Ganzen. Auch der Apostel Paulus bezeugt, daß die ganze Schöpfung frei werden wird von der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes (Röm. 8,21).
Die Schöpfung lebt auf Hoffnung. Andrerseits ist diese Verwandlung nicht erst eine Sache der Zukunft, sondern der Gegenwart. Christus ist die Person, mit der die Verwandlung begonnen hat. Wo Jesus Christus ist, da wird jetzt schon die neue Welt sichtbar. Freilich, abgeschlossen wird die Verwandlung, wenn Christus wiederkommt.
Die Zeichen und Wunder, die Jesus getan hat, waren Ausdruck der sich anbahnenden Verwandlung, Ausdruck für den Heilszustand, der mit ihm gegeben ist.
„Das will ich sehen“, singt die Rapperin. Nun es kann ihr geantwortet werden: Sieh hin, sieh auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens! (Hebr.12) Diese Aufforderung hat auch für uns höchste Aktualität.
Jesus ist die Verbindungskette.
Er bringt dich zu dem Ziel, zu dem du geschaffen bist.
Laß dich auf ihn ein!
Du kannst in ihm die neue Welt erkennen.
Du kannst mit ihm Teil der neuen Welt werden.
Du bist mit ihm Teil der neuen Welt, wenn du nicht nur getauft bist,
sondern an ihn glaubst.
Von ganzem Herzen glaubst, daß er der Auferstandene von den Toten ist
und auch dich und deine Toten zum Leben auferwecken will.
Paulus schreibt an die Korinther: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden“ (2.Kor.5,17). Liebe Gemeinde, jedesmal wenn wir mit einem Sarg zum Friedhof gehen, sehen wir, wie das Alte dominiert. Wo ist das Neue? Es bleibt alles, wie es war: Menschen werden geboren und müssen sterben. Doch wir bringen unsere Toten zu Grabe, indem wir Bezug nehmen zur Aussage Jesu: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh.11). Wir predigen das Neue gegen den Augenschein. Wir verkündigen das Leben, das Bestand hat.
Wir tun das auch sonst, eigentlich jeden Sonntag.
Freilich gibt es Kritiker, die sagen: Nein, das Neue gibt es nicht. Ich möchte es sehen, aber ich sehe davon nichts. Liebe Christen, laßt euch davon nicht entmutigen. Die Vollendung wird es ans Licht bringen. Das Neue ist da, es ist verborgen unter dem Alten, und es muß angewandt werden, damit es erkennbar wird.
"Ein Seifenfabrikant sagte zu einem Pastor: "Das Christentum hat nichts erreicht.
Obwohl es schon bald 2000 Jahre gepredigt wird, ist die Welt nicht besser geworden. Es gibt immer noch Böses und böse Menschen."
Der Pastor zeigte auf ein besonders schmutziges Kind, das am Straßenrand im Dreck spielte, und meinte: "Schauen Sie, die Seife hat nichts erreicht. Es gibt immer noch Schmutz und schmutzige Menschen in der Welt."
"Seife", entgegnete ihm der Seifenfabrikant, "nutzt nur, wenn man sie auch benützt und anwendet!"
"Genauso ist es auch mit dem Christentum", antwortete ihm der Pastor. "Auch der Glaube hilft nur, wenn man ihn anwendet.“
Darum, nimm auch du deinen Platz ein in der Kette der Zeugen! Laß dein Umfeld erkennen mit welcher Hoffnung du lebst! Und seid alle zusammen gewiß: Ihr werdet sehen, was ihr glaubt. Ihr seid durch den Glauben das Geschlecht der Gesegneten.
Das wirst du sehen, wie Wolf und Schaf einträchtig weiden. Du wirst sehen, daß der Tod nicht mehr sein wird, du wirst sehen wie Gott sein Zelt unter den Menschen aufschlägt.
Ja, das wirst du sehen, wenn du jetzt schon Sehnsucht danach hast.
Amen.
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