Laetare (4.Son.Passionszeit) 26.03.2006
mit Posaunenchor
P r e d i g t - Pastor Alfred Sinn
Liebe Gemeinde,
Philippi war so was wie eine Lieblingsgemeinde des Apostels. Es war die erste Gemeinde auf europäischem Boden, die Paulus gegründet hat - das war um das Jahr 50. Gott hat sich eines Traums bedient, um Paulus nach Europa zu führen. Eine segensreiche Arbeit hat begonnen, aber auch eine gefährliche. Paulus begegnete nicht nur wohlwollenden Menschen. Er wurde verfolgt, geschlagen, eingesperrt.
Nun sind etwa 10 Jahre vergangen. Paulus ist wieder in Gefangenschaft, diesmal für längere Zeit. In Jerusalem wurde er gefangengesetzt. Die Juden wollten ihn umbringen. Paulus bestand darauf, vor ein kaiserliches Gericht gestellt zu werden. Also mußte er nach Rom überführt werden. In der Gefangenschaft schreibt er diesen Brief an die Philipper.
Vor 4 Jahren haben wir im Gesprächskreis die Apostelgeschichte durchgenommen. Damals kam die Frage auf: Warum hat Gott es zugelassen, daß Paulus gefangengesetzt wird. Erst mal blieb Paulus zwei Jahre in Cäsaraea in Gewahrsam, bevor er mit dem Schiff nach Rom gebracht wurde. Die Apostelgeschichte erwähnt weitere zwei Jahre in Rom, in denen Paulus zwar gefangen, aber doch eine relative Freiheit genoß. Damals sagten wir uns: Was hätte Paulus nicht alles für die Sache des Christentums tun können!
Er hätte neue Gemeinden gegründet, die bestehenden besucht; statt dessen war er zur Untätigkeit verdonnert.
Was für ein Schlag mußte es für die Gläubigen damals gewesen sein, als Paulus gefangengesetzt wurde! Es muß ihnen wie eine schwere Katastrophe vorgekommen sein. Mit einem Schlag kann segensreiche Arbeit ausgelöscht sein. Doch wo Menschen keine Möglichkeit sehen, hat Gott immer noch Wege. Die Verhaftung des Paulus war nicht das Ende seiner Wirksamkeit, sondern Gott hat die Situation genutzt, um das Evangelium an Orte und Menschen zu bringen, wohin Paulus sonst keinen Zugang gehabt hätte, wie zB das Prätorium. Dieses war ein Regierungsgebäude, sei es in der Provinz oder in der Hauptstadt. Somit ist damit die christliche Botschaft bis in das Zentrum der römischen Macht gelangt.
Entsprechend sieht auch Paulus seine Lage nicht negativ. Paulus lamentiert nicht über den Verlust seiner Freiheit, er beklagt sich nicht über die Lebensbedingungen im Gefängnis, im Gegenteil, er sieht seine Lage als Chance. Er schreibt den Philippern: ″Ich bin guter Zuversicht, ich freue mich″. Wie: gefangen und sich freuen? Wie geht das zusammen? Das geht für Paulus, weil er in erster Reihe die Sache vor Augen hat, nämlich das Evangelium und nicht seine Person. Was soll’s? Hauptsache Christus wird bekannt; Christus wird verherrlicht an meinem Leibe, es sei durch Leben oder Tod.
Christus wird verherrlicht am leiblichen Geschick des Apostels. Was er den Römern geschrieben hat, nimmt er für sich in Anspruch: „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Schwert? Ich bin gewiß, daß nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes in Christus Jesus“ (Kap.8).
Die Zugehörigkeit zu Christus ist für Paulus das allein ausschlaggebende Kriterium.
Die Freude, von der der Apostel redet, ist keine selbstverständliche, auch keine unangefochtene. Sie steht eigentlich im Widerspruch zu seiner Situation im Gefängnis. Paulus hat „Freude trotz allem Leide“, noch mehr „Freude in allem Leide“. Seine Freude ist, daß das Evangelium läuft. Christus wird verkündigt. Selbst Leben und Tod sind relativiert. Wenn Christus alles ist, dann kann seinetwegen auch alles riskiert werden, dann ist sogar das Sterben Gewinn.
Der Gedanke an den Tod begleitet ihn, doch er bedrängt ihn nicht, macht ihn nicht mutlos oder verzweifelt. Im Gegenteil: einige Verse später schreibt er: »Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, aber es ist nötiger im Fleisch zu bleiben, um euretwillen«. (V. 23) Paulus wird gefragt: Wie geht’s dir. Er antwortet: Danke, dem Evangelium geht’s gut. Sein Gefangensein versteht er als Mission.
Neben seiner Gefangenschaft hat er noch einen Kummer: es gibt nämlich welche, die verkündigen das Evangelium aus Neid und Streitsucht. Sie reden schlecht von Paulus. Doch auch hierin bleibt er gelassen. Wieder sagt er: Was soll’s! Hauptsache Christus wird gepredigt. Paulus ist überzeugt: Der Herr wird auch sie für sein Werk benutzen. In diesem Zusammenhang sei erinnert an Josef und seine Brüder. Die Brüder haben Josef nach Ägypten verkauft; als die Hungersnot kam wurde Josef ihn en zum Retter.
In Gottes Garten kreucht und fleucht viel herum. Gottes Geist weht, wo er will. Er nimmt Menschen in Dienst, ob sie wollen oder nicht, ob sie es wissen oder nicht.
Wir, die Verkündiger des Evangeliums, stehen in der Gefahr, aus persönlicher Eitelkeit heraus zu predigen. Wir fragen uns: was bringt uns selbst der Dienst in der Kirche? Von der Schrift ist zu lernen, immer wieder weg zu sehen. Der Eigennutz darf Christus nicht
verdecken. Und selbst wo das geschieht, schreibt Gott auf den krummen Linien einer eigennützigen Verkündigung gerade. Die Bewertung der Motive können wir Gott überlassen.
Der Sieg der Macht Gottes zeigt sich darin, daß Paulus nicht klagt oder verbittert ist. Paulus hat gelernt, sich selbst zu vergessen und alles nur aus der Sicht Gottes zu betrachten. Wenn Christus dabei groß herauskommt, dann wird’s schon gut werden.
Das Martyrium des Apostels wirkte ansteckend. Auch andere sind kühn geworden, das Wort zu reden. Sie haben Mut gewonnen und wurden gestärkt. Am Apostel bewahrheitet sich der Wochenspruch: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh.12,24). Auf Jesus ist das zugetroffen und seinen Nachfolgern hat er das auch angedeutet.
Trotzdem sagt Paulus: „Ich freue mich, ich werde mich auch weiterhin freuen.“ Wohl aber schlägt die Märtyrer-Freude nicht um in Märtyrer-Stolz. Er kann gelassen bleiben, denn letztendlich werden alle Knie sich vor Christus beugen. So ist in dem großen Christus-Hymnus im nächsten Kapitel zu lesen.
Wir lernen aus diesen Versen, daß eine gute Portion Gelassenheit von Wert ist. Hauptsache die Sache Christi wird verkündigt. Und wir lernen, daß diese Sache weitererzählt werden soll und muß. Menschen brauchen Orientierung.
Paulus bekannte seinen Glauben überall: in der Synagoge, auf dem Marktplatz, auf der Straße, im Gefängnis. Unserer Zeit fällt es schwer, den Glauben in der Öffentlichkeit zu bekennen.
Das heutige Bibelwort kann Ansporn sein, es zu tun.
Amen. |