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Palmsonntag                                     9.04.2006

 

Predigt Pastor Alfred Sinn

 

Durch eine Oase ging ein finsterer Mann. Er hatte einen schlechten Charakter. Gutes und Schönes mochte er nicht sehen, ohne es zu verderben.  Nun erblickte er am Rande der Oase eine junge Palme. Die soll nicht wachsen und keinem Menschen Schatten spenden, dachte er. Darum nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Die Last sollte sie erdrücken. Der böse Mann ging davon.

Die Palme stemmte sich gegen die Last und wollte sie abschütteln. Doch das gelang ihr nicht. Da krallte sich die Palme fest in den Boden, schickte ihre Wurzeln so tief in die Erde, daß sie die verborgenen Wasseradern in der Oase erreichten. Das machte die Palme stark. Sie wuchs nun empor und stemmte dabei mit aller Kraft den schweren Stein hoch und höher, bis die Krone mit den großen Palmenfächern über jeden Schatten hinausreichte.

Wasser aus der Tiefe und Sonnenglut aus der Höhe halfen dem jungen Baum, trotz seiner schweren Last eine königliche Palme zu werden. Nach vielen Jahren kam der finstere Mann wieder  vorbei.  Wie staunte er als er keinen verkrüppelten Baum vorfand, sondern eine herrliche Palme.  Es war, als hörte er die Palme sagen:  Ich danke dir. Deine Last hat mich stark gemacht.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

mitunter kommen wir uns mit der Last, die wir zu tragen haben, vor wie diese Palme. Die Last drückt, verhindert Entfaltung, sie macht das Leben schwer. Wir schütteln uns und lehnen uns dagegen auf, wir möchten die Bedrückung loswerden.  

Dabei soll die Last - wie bei der Palme - dazu führen, daß wir desto fester werden in dem, was das Leben trägt und erhält.

 

Worin sind wir verwurzelt?  Was ist der tragende Grund unseres Lebens? Das ist ein Thema des folgenden Bibelwortes aus dem Propheten Jesaja:

 

Jesaja 50, 4 - 9

4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, daß ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich höre, wie Jünger hören.

5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, daß ich nicht zuschanden werde.

8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Laßt uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

 

 

Hier spricht ein leidender Mensch. Er hat mit einer Last zu tun, die ihm das Leben schwer macht. Wie geht er mit der Last um? Er nimmt Zuflucht bei dem, um dessentwillen er das Leid durchsteht. Er nimmt sein Leiden an und bleibt mit seinem Gott in Verbindung. Sein Vertrauen in Gott gründet sich nicht auf Wohlergehen und Glück im eigenen Leben.

 

Dieser Mensch richtet sich ganz und gar an Gott aus. „Alle Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich höre, wie Jünger hören“.  Im Hören auf Gottes Stimme liegt die besondere Begabung des Propheten. Er  steht sozusagen in ständigem Dialog mit Gott. „Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück“, bekennt er.  

 

Dieses Bibelwort ist ein passendes Gegenstück zu unserer Zeit, geht es doch bei uns oft vor allem darum, die eigene Stimme zur Geltung zu bringen und andere zu übertönen.  Was den Gehorsam betrifft, können wir im Hinblick auf unsere Gesellschaft von einer Mangelerscheinung sprechen. Und das nicht nur auf Glaubensebene.

 

An vielen biblischen Gestalten ist abzulesen, daß die Ausrichtung auf Gott Konfrontation, Scheidung und Isolation provoziert.  Die berufenen Menschen haben sich das nicht ausgesucht, doch im Hören auf Gott konnten sie nicht anders, als so reden und handeln. Denken wir an Jona, an Mose.

Der Psalmbeter spricht: „Denn als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine“. (Psalm 32,3)  Der Prophet Jeremia gibt zu, daß er sich vor dem Auftrag drücken wollte: „Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, daß ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.“ (Jer.20,9) 

 

Jesaja bekennt, wie gut es ist, auf Gott zu hören. Jeden Tag  beginnt er damit, daß er sein Ohr der Botschaft öffnet.  Das morgendliche Horchen ist wie ein Wiegen in Gottes Armen. Es ist Gott selbst, der ihm das Ohr öffnet. Dann aber ist es seine - des Menschen -  Entscheidung, nicht zurückzuweichen. Gott öffnet nicht nur das Ohr, sondern gibt auch eine Zunge, wie sie Jünger haben. Aus dem ständigen Hören auf Gott erwächst das geschickte Reden mit den Müden.

 

Es ist nicht verkehrt den neuen Tag mit der bewußten Hinwendung zu Gott zu beginnen. Manchen Menschen fällt es schwer, schon am frühen Morgen sich mit geistlichen Dingen zu beschäftigen. Manch einer braucht erst seine Tasse Kaffee um aufzuwachen, die Zeitung um die Gedanken zu sammeln. Ob gleich beim Aufstehen, oder später, wichtig ist, daß mit einem Gebet, der Tageslosung oder einer Bibellese  angezeigt wird, daß man sein Leben nicht ohne den Bezug zu Gott führt.

 

Menschen unterschiedlichen Alters haben mir schon bezeugt, daß sie jeden Morgen beim Aufwachen Gott dem Herrn danken für die letzte Nacht und dafür, daß sie gewürdigt werden, den neuen Tag zu erleben. Damit wird bezeugt, daß man sein Leben als Geschenk empfindet.

 

Der Predigtabschnitt von heute gehört zu den sog. Gottesknechtsliedern. Die jüdische Auslegung sieht im Knecht Gottes das Volk Israel. Die christliche Auslegung bezieht diese Stellen auf den Propheten Jesaja und in ihrer Erfüllung auf Jesus (siehe Epistellesung, Philipper 2,5-11).  Wer, wenn nicht Jesus, hat sein Ohr ganz und gar geöffnet für Gott?

Nicht nur die Propheten, sondern auch Jesus hat im Hören auf Gott nicht nur Bewunderung, sondern auch Ablehnung erfahren. In der Person Jesu kommt erst recht beides zusammen: die Bewunderung auf der einen Seite und Neid und Haß als deren Kehrseite.

 

Heute, am Palmsonntag, zieht Jesus in Jerusalem ein. Die Menge jubelt ihm zu, begrüßt ihn als König. Tage später wird sie schreien: Kreuzige ihn!  Wie der prophetische Auftrag, so bringt auch der göttliche Auftrag, dem Jesus sich gestellt hat, Leiden, Mißhandlung und gar den Tod. Wie der Prophet, so wird auch Jesus sein Angesicht hart machen wie einen Kieselstein. Wir sind es gewohnt, Jesus mit milden Zügen zu zeichnen. Freilich, er ist auch der, der am Kreuz für seine Peiniger bittet (Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun), aber er ist auch der, der sein Angesicht hart macht: er bleibt den Pharisäern und Schriftgelehrten, dem König Herodes und dem Statthalter Pilatus gegenüber hart.

 

In dem Bildwort vom harten Angesicht wie ein Kieselstein verbergen sich zwei unterschiedliche Aspekte: Wo ein Gesicht hart wird, da wird es auch empfindungsarm. Andere finden keinen Zugang mehr zu dem betreffenden Menschen. Die Innenwelt wird nach außen hin verschlossen. Ein solches Gesicht strömt Kälte, Abweisung und Distanz aus. Auf der anderen Seite schützt sich der Mensch, der sein Gesicht hart macht. Er läßt äußere Anfeindung nicht an sich herankommen. Er schirmt sich ab, damit Verletzungen ihn nicht treffen können. Das Gesicht hart zu machen wie einen Kieselstein, ist der Selbstschutz der Verletzlichen und Schwachen. Es ist ein Schutzpanzer, eine Kraftreserve der Menschen, die geschlagen und gequält werden.   

Auf der anderen Seite drückt das Bild aus, daß vom beschrittenen Weg nicht abgewichen wird. Solche Haltung entspringt aus dem Hören auf Gott und hat zu tun mit dem Gehorsam.

 

Menschen, die von ihrer christlichen Einstellung nicht abweichen, werden von anderen oft als hart empfunden, manchmal auch kalt.  Die Unnachgiebigkeit schafft Distanz und auch Ablehnung, bisweilen Anfeindung und Verfolgung.  Doch solche Überzeugung nimmt der Gehorsame nicht aus seinem Innern, sondern im Hinblick auf Gott.

 

Heutzutage hat man den Eindruck, daß mancher Zeitgenosse sein Angesicht hart gemacht hat, wenn es um die christliche Botschaft geht. Freilich, die meisten unserer Bürger sind eingetragene Mitglieder der Kirche, doch die Zahl nimmt stetig ab. Wer die Statistik im letzten Gemeindebrief gelesen hat, konnte sich ausrechnen, daß nur noch 72% der Einwohner Kirchenmitglieder sind. Und von diesen haben nicht wenige sich dem Glauben und dem Kirchgang gegenüber verhärtet. Heute sind wir etwa 1,4%  die sich am Gottesdienst beteiligen.

 

Eine Frau berichtet von ihrem Sohn, daß der sich scheut mit zum Gottesdienst zu gehen. Nicht weil er etwas gegen die Kirche oder gegen den Pastor hätte, sondern er hat Angst, daß sein Kirchgang von den Klassenkameraden entdeckt wird. "Mama", sagt er, "weißt du, was dann los ist, wenn die herausbekommen, daß ich sonntags zur Kirche gehe!"

 

Vor Jahren habe ich mir im Fernsehen einen Mafia-Film angeschaut. Eine Szene ist mir in Erinnerung geblieben. Der Mafia-Boss befindet sich im Gespräch mit einem anderen. Sie sitzen am Rand eines Springbrunnens. Der eine sagt (sinngemäß): In unserer Stadt leben ehrenwerte Leute, sie geben sich mit Schmiergeldern und anderen krummen Geschäften nicht ab. Zudem sind sie Christen. Der Mafiaboß bückt sich und greift aus dem Brunnen einen Kieselstein. Er sagt: Sieh dir diesen Stein an, er ist naß. So sind auch die Menschen hier, an der Oberfläche sind sie Christen, doch wie sieht es im Kern aus? Dann zerschlug er den Kieselstein und sagte: Siehst du, innen trocken!

 

Liebe Gemeinde, der Prophet und Jesus sind hart geblieben was ihre Überzeugung betraf. Sie sind von ihrer Linie nicht abgewichen. So haben sie ihren Gehorsam zum Ausdruck gebracht. Daran lag ihnen auch deswegen, weil sie um einen letzten großen Tag wußten. Jesaja schreibt: „Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.“  Der Prophet ist seinen Weg konsequent gegangen – die Gegner hingegen verändern sich bis zur Selbstauflösung, ohne Gegengewalt des Propheten.

 

Das ist die Struktur der Passionsgeschichte. Diese Struktur ist auch an den vielen Knechten Gottes in der Kirchengeschichte zu erkennen. Einer sei herausgegriffen, Dietrich Bonhoeffer, dessen Todestag sich heute jährt. 1945 ist er im Konzentrationslager umgebracht worden.  Er hat sein Ohr der Stimme Gottes geöffnet. Er war nicht ungehorsam, sondern hat die Last auf sich genommen und konsequent die Sache Gottes vertreten. Im Gefängnis hatte er eine Zunge, die mit Müden redete und sie stärkte. Er ist in der Zuversicht gestorben, daß er nicht zuschanden wird.  Seine Peiniger aber sind zuschanden geworden.

 

So auch die Feinde Jesu. Während Er lebt, sind sie alle zerfallen.  Wer sich aber an diesen Herrn hält, der wird bleiben und nicht vergehen. Jesus, der Knecht Gottes, nimmt uns mit auf dem Weg des Hörens, des Gehorsams.  Seine Last macht stark.

 

Mit ihm gilt, was Paulus den Römern geschrieben hat:  „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“ (Röm. 8,33-34)

 

Amen.