Karfreitag 14.04.2006
Predigt : Pastor Alfred Sinn
Hebräer 9,15.26-28
15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
26 sonst hätte er oft leiden müssen vom Anfang der Welt an. Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.
27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht:
28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.
Liebe Gemeinde,
das Thema ist der Tod Christi. Die Bedeutung dieses Todes wird deutlich gemacht indem das Opfer Christi dem altl. Opfergottesdienst gegenübergestellt wird.
Opferhandlungen kennt jede Religion. Und auch in der modernen Zeit ist dieser Gedanke nicht überholt. Auch die säkulare Gesellschaft kennt Opfer. Ob es die Praxisgebühr ist, der Solidaritätszuschlag, höhere Versicherungsbeiträge, stets geht es darum, etwas abzugeben, damit das Gesamtgefüge erhalten bleibt. Bewußt bezeichnen die Verantwortlichen solche Beiträge als Opfer.
Beim religiösen Opfer geht es darum, daß das Verhältnis zur Gottheit in Ordnung kommt. Die Opferhandlungen in allen Religionen machen deutlich, daß das Leben in eine Schieflage geraten ist. Das Verhältnis zur Gottheit und auch jenes zwischen Menschen muß bereinigt werden. Dafür muß jemand herhalten, es muß Genugtuung geleistet werden. Opfer läßt auf Schuld schließen. Schuld ist Störung. Durch das Opfer soll die Störung beseitigt werden. Opferhandlungen machen auch deutlich, daß Sünde keine Bagatellsache ist. Es geht dabei um Leben und Tod. Schuld und Sünde trennen von der Gottheit. Das Opfer eröffnet den Zugang zu Gott.
Der Hebräerbrief macht deutlich, daß Jesus ein Opfer gebracht hat, das alle anderen Opfer überragt. Dieses Opfer wird dem jährlich wiederkehrenden Opferritus durch den Hohenpriester gegenübergestellt. Das Opfer Christi ist deshalb einmalig und einzigartig, weil eine Wiederholung nicht mehr erforderlich ist. Die Menschen zur Zeit Jesu konnten sich Versöhnung mit Gott nur als Wiederholung von Opfern denken. Mit Jesus ist eine Wiederholung nicht mehr erforderlich. Ein für allemal ist der Wiederholung die Grundlage entzogen. Es trifft zu, was die Schrift sagt: „Siehe, ich mache alles neu!“
Jesu Opfer wirkt eine umfassende Erlösung. Sein Opfer geht dem Grundübel an die Wurzel, das ist die Aufhebung der Sünde. Das erfolgt dadurch, daß Jesus die Sünden auf sich nimmt. Aufhebung also durch Aufnahme. So sieht es auch Petrus, wenn er schreibt: „… der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir,
der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“ (1.Petr 2,24) Es geht also darum, die Sünde, diese Grundstörung in der Gottesbeziehung aufzuheben. Um das zu bewerkstelligen hat sich der Sohn Gottes zum Sündenbock gemacht. Christus nimmt die Gottesferne als Last auf sich, um die Welt in die Gottesnähe zurückzutragen. Menschen waren zu dieser Leistung nicht fähig. Das konnte nur ein göttliches Werk vollbringen. Luther faßt die Zwiesprache zwischen Vater und Sohn in einem Lied (EG 341) in diese Worte: „Er sprach zu seinem lieben Sohn: »Die Zeit ist hier zu erbarmen; fahr hin, meins Herzens werte Kron, und sei das Heil dem Armen und hilf ihm aus der Sünden Not, erwürg für ihn den bittern Tod und laß ihn mit dir leben.«“ Der Sohn Gottes hat das Mandat angenommen: „Ja, Vater, ja von Herzensgrund, leg auf, ich will dir’s tragen; mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen“ (EG 83 – Paul Gerhardt).
Gott hat durch die Sendung seines Sohnes alles getan, was zur Rettung der Menschen nötig war. Nun liegt es am Menschen, das Angebot des Heils anzunehmen. Wie brisant die Angelegenheit ist, wird deutlich am Hinweis in Vers 27: Dem Menschen ist bestimmt zu sterben – einmal zu sterben. Danach das Gericht. Wer sich aber für das Angebot Gottes in Christus entscheidet, muß das Gericht nicht fürchten.
Im Gegenteil, wer für sich gelten läßt, daß Jesus nicht nur im allgemeinen das Grundübel behoben hat, sondern für die eigenen Sünden aufkommt, auf den wird zutreffen, was Jesus im Johannesevangelium sagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ (Joh 5,24)
Karfreitag ist ein Tag der Trauer. Die Menschen bringen den Sohn Gottes ans Kreuz und ins Grab. Auf der anderen Seite stimmt das Kreuz Christi hoffnungsvoll. Der Sohn Gottes bringt den Menschen in den Himmel, ins Leben.
Wer in das Versöhnungshandeln Christi hineingezogen ist, darf seinen eigenen Tod neu sehen – und zwar in der Perspektive der Vollendung. Ewiges Leben ist unsere Bestimmung. Karfreitag ist ein Tag mit Aussicht. Karfreitag ist nicht das Ende, sondern schon der Ausblick auf den neuen Advent. Christus kommt wieder. Der Hebräerbrief sagt: Zum zweiten Mal wird Christus nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen zum Heil, die auf ihn warten.
Mit Karfreitag ist die Schuldfrage geklärt, mit dem zweiten Advent Jesu wird die Heilsfrage geklärt werden. Mit anderen Worten: dann wird sich zeigen, an wem das Heil vollendet wird. Wer auf den Herrn wartet, darf jetzt schon der Vollendung gewiß sein.
Warten auf den Herrn bedeutet nicht Untätigkeit. Das zeigt das nächste Kapitel, wo der Verfasser ermahnt: Laßt uns hinzutreten, laßt uns glauben, laßt uns festhalten am Bekenntnis, laßt uns aufeinander achthaben, laßt uns anreizen zur Liebe und guten Werken, laßt uns nicht verlassen die Gemeinde – und das umsomehr, da sich der Tag naht. Warten auf Jesus bedeutet also praktische Mitarbeit in der Gemeinde.
Wir halten fest: der Tod Christi hat einmaligen Charakter. Er hat ein Opfer gebracht, das nicht wiederholt werden muß und kann. Das Grundproblem zwischen Gott und Mensch ist gelöst. „Es ist vollbracht!“ (Joh.16,30)
Jesus ist der Mittler des neuen Bundes. Der neue Bund ist mit dem Tod Jesu in Kraft getreten. Das Abendmahl, das wir feiern ist verbrieftes Recht. Der Herr wird die Zusagen des neuen Bundes einlösen. Unser Herr kommt wieder – und wir warten auf ihn.
So feiern wir Karfreitag auch mit großer Hoffnung.
Amen.
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