Heilig Abend Christvesper 24.12.2006
Bläservorspiel
Begrüßung G e b e t
L i e d : 30, 1 - 4 Es ist ein Ros entsprungen
Kollektengebet Weissagung Jesajas (Kap.11)
L i e d : 24, 1 - 6 Vom Himmel hoch
L e s u n g : Lukas 2, 1 – 14
L e s u n g : Lukas 2, 15 – 20
P r e d i g t : Diakon Ulf Migdalek
L i e d : 44, 1 - 3 O du fröhliche
Mitteilungen G e b e t S e g e n
L i e d : 46, 1 - 3 Stille Nacht
Bläsernachspiel
P r e d i g t : Diakon Ulf Migdalek
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.
Liebe Gemeinde,
„Worüber wollen sie denn dieses Jahr zu Weihnachten predigen ?“ fragte mich eine alte Dame aus Frestedt, die ich jede Woche besuche. „Da wird doch heutzutage immer der gleiche Schmonzes erzählt“ Und sie hätte gleich noch einen ihrer Lieblingssätze hinzufügen können: „Früher war einfach alles besser !“
Da war es auch einfacher eine Heiligabendpredigt zu schreiben. Da gab es einen Kaiser und Gaslaternen, die Menschen gingen alle zur Kirche und nickten brav wenn Pastor oder Diakon predigten. Heute sind die Menschen anspruchsvoll geworden, sie wollen allenthalben unterhalten werden, auch in der Kirche.
Und wenn es zu langweilig wird gehen sie eben nicht mehr in die Kirche - Glauben hin Glauben her. Es muß schon irgendwie alles originell verpackt sein und bittschön: Abwechslungsreich ! Eben nicht mehr jedes Jahr derselbe Schmonzes.
Ich, liebe Gemeinde, bin nun aber froh, daß es an Weihnachten so wenig Abwechslung gibt. Gott sei dank ist es jedes Jahr derselbe Schmonzes und ich bin mir sicher, sie sehen das auch so. Denn sie hätten ja an ihrer Festtafel sitzen bleiben könne, sich an ihrem Weihnachtsbaum erfreuen oder sich zum 175sten mal den „Kleinen Lord“ anschauen können. Haben sie aber nicht. Sie alle sind hierher gekommen, um den zweitausend Jahre alten Schmonzes zu hören und sie wären sicher enttäuscht gewesen, wenn sie statt der Weihnachtsgeschichte eine schrille Weihnachts-Comedy geboten bekommen hätten. Dieser heilige Abend hat schon eine merkwürdige Hartnäckigkeit, er bleibt unverändert, so sehr sich auch die Welt verändert.
Und wie hat sich doch die Welt in den letzten 150 Jahren, ja schon seit unseren Kindertagen verändert. Da hat sich doch wirklich einfach alles verändert, nur eben eines nicht: Der Heilig-Abend-Gottesdienst ist geblieben, mit allem was zu ihm gehört von der Weihnachtsgeschichte übers Krippenspiel bis zum „Stille Nacht, Heilige Nacht“ am Schluß.
Und was haben wir nicht alles in unseren verschieden langen Leben erlebt: Kriegs- und Notzeiten, Wirtschaftswunder, Pillenknick und Frauenemanzipation, Mondlandungen und Politskandale, Faltenröcke und Bauchfreimode, steineschmeißende 68ger und entrückte Jesus-People, Muttis festgesprayte Dauerwelle und die hochgegelten Kurzhaarfrisuren von Heute.
Alle paar Jahre ein neuer Tanz, eine neue Erfindung, neue Waffen, neue Stars, neue Politiker, neues Essen, neue Meinungen, neue Freundinnen. Neue Gesellschaftsmoden, neue Schlager. Neue Gurus lösen die Alten ab, gestern Tarot, heute Pendeln, und morgen sind mongolische Geistheiler angesagt.
In diesem Jahr ist es tödlich zuviel Kohlenhydrate zu sich zu nehmen und im nächsten Jahr sind sie überlebenswichtig. Mal mußte man unbedingt Aerobic machen um fit zu bleiben, natürlich nicht ohne pinkfarbenes Frotteestirnband, heute stakst man mit zwei Skistöcken durch die Gegend als sei der Leibhaftige hinter einem her und nennt das ganze, denn Deutsch zu sprechen ist momentan gänzlich unmodern: Nordic Walking.
Wissen sie noch wie man zu einem Swing tanzt ? Generationen haben so begeistert getanzt, heute weiß kein Mensch mehr wie das geht. Der Jugend sagen Namen wie Herbert Wehner und Franz Josef Strauß nichts mehr, sie kennen Heinz Rühmann und Grete Weiser nicht mehr, so wie die späteren Generationen nichts mehr wissen werden von Angela Merkel, Sabine Christiansen oder Dieter Bohlen.
Nichts von all dem Wissen, den Skandalen, Moden, Schrullen, Sehnsüchten und Hoffnungen derer, die vor uns lebten, wissen wir mehr wirklich, so wie die, die nach uns leben, nichts mehr von unseren Kriegen, unserem Zeitgeschmack, unseren Ängsten und Freuden wissen werden.
So wissen wir denn schon gar nicht mehr was vor z.B.150 Jahren die Menschen hier in der Kirche anhatten, wofür sie dankten und worum sie baten. Aber eines wir wissen genau: Sie haben an diesem Tag, dem 24. Dezember, hier in unserer schönen St. Laurentiuskirche gesessen wie wir. Und zwar aus demselben Grund wie wir: Sie feierten wie wir die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.
Und wenn es in 150 Jahren noch eine Welt gibt, dann werden auch an diesem Heiligen Abend wieder Menschen zusammen sitzen, „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen und wie die Menschen vor uns und wie wir feiern, daß Gott Mensch geworden ist.
Früher war das Leben überschaubarer. Die Menschen hatten noch Werte. Man ging in die Kirche, lebte im Familienverbund und tat seine Arbeit. Für Extravaganzen war weder Zeit noch Raum. Das ist alles alter - kalter Kaffee.
Das haben wir schnellen und modernen Menschen alles abgeschafft - Selbstverwirklichung war angesagt. Und wie sieht unsere schöne neue Welt nun aus ? Sind wir eine Generation von Glückseligen ? Ich sehe: Egoismus und Isolation breiten sich aus. Jede dritte Ehe wird geschieden, immer mehr Menschen leben allein, die Kirchen sind leer, die Arbeitsämter voll, die Fähigkeit zwischen Gut und Böse, zwischen Falsch und Richtig zu unterscheiden geht verloren. Wir können uns auf nichts mehr verlassen, unser Wissen wird immer flüchtiger und unsere Gewißheiten immer weniger. Was wir heute noch für richtig halten ist morgen Schnee von Gestern.
In einer solch flatterhaften Welt greifen wir wie Ertrinkende nach den wenigen festen Ritualen, die uns die moderne Zeit noch gelassen hat. Diese Rituale tun uns wohl, weil wir sie kennen, weil sich endlich mal etwas wiederholt, endlich mal etwas Vertrautes wiederkehrt. Und eines der Wichtigsten scheint mir das Weihnachtsritual hier am Heiligen Abend zu sein.
Dieser Gottesdienst heute Abend verbindet nicht nur uns Christen in aller Welt, sondern uns Christen über die Zeiten hinweg. Dieser Gottesdienst erinnert uns an eine Zusage, an eine Zusage Gottes an den Menschen, die Zusage Gottes: Ich Euer Vater, bin bei Euch alle Tage.
Und wir können uns auf diese bleibende Gewißheit verlassen, so wie sich die Menschen der Vergangenheit und der Zukunft auf diese Gewißheit verlassen konnten und können.
Zum Beweis seiner Liebe hat uns Gott seinen Sohn geschickt, seinen Sohn, der uns gesagt und vorgelebt hat, wie wir leben und miteinander umgehen sollen.
Und er hat seinen Sohn nicht mit einem Bankkonto oder einer Armee ausgestattet. Er schickt uns einen Sohn in dem hilflosesten Zustand in dem ein Mensch sein kann, als Baby. Und nicht ein mächtiges Herrschergeschlecht in einem Palast mit allem Luxus bringt diesen Sohn zu Welt, sondern einfache Menschen in einem primitiven Stall. Angesichts eines hilflosen Kindes im Stall wird auch dem Letzten klar:
Größer kann Gottes Interesse an seinen Menschen nicht sein, daß er nun selbst zum Menschenkind wird. Er will an unserem Leben Anteil haben, an unserer Freude und an unserem Leid. Ob nun Hirten oder Magier aus dem Morgenland und all die Unzähligen die ihnen folgten:
Die Menschen, die sich seit jener Nacht auf den Weg zu Christus gemacht haben, die haben immer neue Lebenserfahrungen gemacht. Sie haben bemerkt, wie sie durch ihre Welt voller Sorgen und Schwierigkeiten hindurchgetragen wurden. Sie haben die Welt mit anderen Augen sehen können. Sie haben erfahren, daß es Gott nicht egal ist, wie es seinen Menschenkindern ergeht. Denn der Christus hat auf dieser Erde selbst so viel an Elend und Leid zu spüren bekommen, daß ihm keine Not fremd ist.
Auch wenn die Welt sich seither nicht gewandelt hat, die Menschen immer noch so eitel, grausam und gierig ebenso wie hilfsbereit, selbstlos und gütig sind wie vor zweitausend Jahren: Etwas hat sich seither geändert: Wir haben eine Hoffnung den zu finden, der dem bösen Spektakel von Krieg, Mord und Totschlag, von Lieblosigkeit und Egoismus auf unserer Welt ein Ende machen und Friede und Freude schaffen kann. Diese Hoffnung der Weihnachtsgeschichte läßt sich nicht begraben, sie ist zäh, sie klopft in unseren Herzen an, sie läßt sich nicht abweisen.
Darum, liebe Gemeinde, sind wir heute hier, wie alle die vor uns hier saßen und nach uns hier noch am heiligen Abend sitzen werden: Den zu suchen und zu finden, der uns die tiefsten Wünsche nach Frieden und Freude erfüllt, weil er sein Leben mit uns teilt und unser Leben mitträgt und schützt.
Darum hören wir alle Jahre wieder die Geschichte seiner Geburt, denken an Hirten und Könige, die bei ihm, an seiner Krippe, zueinander kommen, singen mit den Engeln, loben Gott dafür, daß er sich nicht zu schade ist, in einem hilflosen Kind unser Bruder, Freund und Meister der Liebe zu werden.
Wie die Zeiten sich auch ändern mögen liebe Gemeinde, was immer jedem einzelnen von uns in der nahen und fernen Zukunft widerfahren wird: Gott sagt jedem Einzelnen von uns mit seinem Sohn in der Krippe: Ich bin bei Dir wie ein Vater, jeden Tag und jede Stunde die du auf dieser Welt lebst und darüber hinaus.
Darauf können wir uns verlassen, liebe Gemeinde, an diesem Heiligen Abend und an jedem anderen Tag, den Gott werden läßt.
Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und allen Menschen seine Nähe.
Amen.
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