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1. Advent     3.12.2006      Süderhastedt

Predigt    Pastor Alfred Sinn

  Offenbarung 5, 1 - 14

  1 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch,     beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.

2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?

3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.

4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.

5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.

6 Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande.

7 Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.

8 Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen,

9 und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen

10 und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.

11 Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend;

12 die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.

13 Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

14 Und die vier Gestalten sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.



Liebe Gemeinde,


Johannes befindet sich auf der Insel Patmos in Gefangenschaft. Doch mit seiner Vision befindet er sich auch in einer anderen Dimension, in einem überirdischen Raum. Dorthin wurde er Kap.4 versetzt. Eine Tür zum Himmel tat sich auf, er wurde vom Geist ergriffen und in den Himmel versetzt. Johannes bekommt Einblick in die Machtzentrale. Sein Blick wird auf den Thron Gottes gerichtet, der auch für die anderen Gestalten die Mitte darstellt. Auf diese Mitte hin konzentriert sich die Anbetung.

Kapitel 4 und 5 gehören aufs engste zusammen. Die Gottesvision aus dem 4.Kap. wird im 5.Kap. durch die Christusvision abgelöst. Ebenso verlagert sich die Huldigung von „dem auf dem Thron“ zum „Lamm, das geschlachtet ist“.

Johannes erlebt einen himmlischen Gottesdienst, der Wort und Wirklichkeit, Anbetung und reales Geschehen zugleich ist. Insofern ist er Urbild aller irdischen Liturgien. Dem himmlischen Gottesdienst kann sich niemand entziehen. Alle, ob im Himmel, auf der Erde, unter der Erde oder auf dem Meer, müssen bekennen: „Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ (V.13).

Man denke auch an den Christushymnus in Philipper 2. Dort bekennt der Apostel mit einem urchristlichen Lobgesang: Christus hat Knechtsgestalt angenommen, er ward gehorsam bis zum Tode. „Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, daß in dem Namen JEsu sich beugen sollen alle derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß JEsus Christus der HErr sei, zur Ehre Gottes des Vaters.“ (V.6-11)

Am Ende der Zeiten bewahrheitet sich diese Aussage. Das belegt die Vision des Johannes . Alle, aber auch alle, werden ihre Knie beugen und Christus bekennen müssen.

Wir, die wir hier drinnen sind, werden das tun und wollen das tun; aber auch die, diee draußen sind, werden das tun müssen.

Die christliche Gemeinde hat von Anfang an dieses Lob ausgesprochen. Sie wußte sich mit ihrer gottesdienstlichen Feier auf der Erde im Verbund mit dem himmlischen Gottesdienst. In der orthodoxen Christenheit ist dieser Aspekt des Gottesdienstes stärker erhalten geblieben, als im teils verkopften Protestantismus. Viele in unserem Volk haben die Erwartung, daß der Gottesdienst peppig sein soll. Erlebnis und Schau sollen geboten werden, Unterhaltung, die kurzweilig ist. Dabei ist die primäre Absicht des Gottesdienstes Gott die Ehre zu geben und aus solcher Ehrbezeugung Kraft zu schöpfen.

Unsere Gottesdienstfeier soll ein Abglanz sein vom himmlischen Gottesdienst. In der Abendmahlsliturgie sind Elemente dieser prophetischen Schau enthalten. In der sog. „Präfation“ und im „Agnus Dei“ stimmen wir in den Lobgesang ein, der die ganze Schöpfung umfaßt und erfassen wird. Die Präfation ist das große Danksagungsgebet. Die Gemeinde begegnet dankend und betend dem großen Gott. Das Danksagungsgebet variiert, je nach Kirchenjahreszeit.

In der Adventszeit singt der Liturg:

Wahrhaft würdig und recht, billig und heilsam ist’s, daß wir dir, heiliger Herr, allmächtiger Vater , ewiger Gott, allezeit und allenthalben Dank sagen, durch Christus, unsern Herren, den du gesandt hast zu deinem Volk, auf daß es schaue das Wunder seiner Ankunft und erfüllet werde unter den Völkern, was die Propheten verheißen. Darum mit allen Engeln und Erzengeln, mit den Thronen und Herrschaften und mit dem ganzen himmlischen Heere singen wir deiner Herrlichkeit einen Lobgesang.“

Hier wird ausdrücklich hingewiesen auf das Zusammenwirken von himmlischem und irdischem Gottesdienst.

Im Agnus Dei wird Jesus als das Lamm Gottes gepriesen, das der Welt Sünde trägt:

Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd' der Welt, erbarm dich unser.

Eine zentrale Frage im heutigen Bibelwort ist diese: „Wer ist würdig?“. Es wird festgestellt, daß niemand, weder im Himmel, noch auf der Erde, würdig ist, die göttlichen Geheimnisse zu ergründen. Der Seher muß weinen.

Soll die Menschheitsgeschichte also sinnlos sein? Wenn schon im Himmel keiner würdig ist, wieviel weniger Menschen auf der Erde? Für Menschen stellt sich schon die Frage: „Wer darf auf des Herrn Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?“ (Ps 24)

Um die Siegel des göttlichen Rats zu brechen, ist sogar mehr notwendig als himmlische Vollkommenheit. Die Engel etwa, sie haben größeres Wissen, sind stärker als Menschen, leben in himmlischen Sphären, doch das macht sie noch nicht würdig, das Buch aufzutun. Auch die anderen Gestalten sind hierfür nicht geeignet.

Wer vermag die Geschichte zu deuten, wer vermag die Trennung von Welt und Himmel aufzuheben? Wer kann den Code knacken? Das Buch mit dem sieben Siegeln bleibt ein Rätsel. Der Inhalt des Buches entzieht sich unserem Zugriff. Keine Ideologie, keine Wissenschaft, keine Regierungsart, keine Kultur hat den Schlüssel zum Geheimnis Gottes. Das Geheimnis kann nur von göttlicher Seite gelüftet werden. Die Offenlegung hat mit dem Kommen Gottes in diese Welt begonnen und kann nur über den Glauben begriffen werden.

Einer ist würdig, das Buch mit den sieben Siegeln aufzutun. Es ist das Lamm Gottes, das gleichzeitig den Titel „Löwe aus dem Stamm Juda“ trägt. Dieser Hinweis läßt erkennen, daß das Buch mit den sieben Siegeln auch ein Herrschaftsdokument ist. Wer ist würdig bedeutet dann auch: Wer ist berechtigt zu regieren? Diese Worte machen deutlich, wer der rechtmäßige Herrscher ist.

Der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids ist der rechtmäßige Herrscher. In Genesis 49,9 (Jakob segnet die Stämme) wird Juda als junger Löwe bezeichnet. Der nächste Vers macht eine prophetische Aussage: „Es wird das Zepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füssen, bis daß der Held komme, und ihm werden die Völker anhangen“. Nun – in Jesus ist diese Verheißung in Erfüllung gegangen.

Die Formulierung „Wurzel Davids“ erinnert an die Jesajaverheißung, Kap.11. Doch hier geht es nicht darum, daß Jesus ein Sproß ist, sondern er ist die Wurzel. Die Wurzel trägt und bestimmt, was wächst. Jesus ist aus dem Geschlecht Davids, doch zugleich tritt er David und Juda als göttlich vorgegeben gegenüber.

Die Wurzel Davids, der Göttliche, ist zugleich das Lamm, das geschlachtet ist. Für Lamm steht das griechische Wort „arnion“, was auch mit Widder übersetzt werden kann. Das Bild verbindet die Schwachheit des Lammes und die Stärke des Widders. Die sieben Hörner steigern die Kraft, die sieben Augen behalten die ganze Welt im Blick. Neben dem Würgemal trägt das Lamm die sieben Hörner als Zeichen unbegrenzter Macht und die sieben Augen als Zeichen unbegrenzter Weisheit.

In der Verbindung von Hoheit und Niedrigkeit ist Christus der Herr der Geschichte und als solcher einzig würdig, die Siegel zu öffnen. „In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“, schreibt der Apostel Paulus den Kolossern (Kol. 2,3).

Das geschlachtete Lamm, das durch sein Blut die Menschen erkauft hat, ist würdig das Buch zu öffnen, die Trennung, zu der es durch den Urfall gekommen ist, aufzuheben. Das Lamm ist „unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat“ (Eph. 2,14) Das Lamm ergreift die Insignien der Herrschaft. Daß diese Herrschaft angefochten wird, zeigen die folgenden Kapitel.

Beim Lamm denken wir an das Passalamm und an Gottesknecht aus Jesaja 53, der wie ein Lamm zur Schlachtung geführt wird. Beim Widder ist an das Leittier der Herde zu denken. Beide Attribute sind in Jesus vereinigt. Sowohl als Lamm, als auch als Widder führt Jesus in die Rettung. Mit seinem Blut hat er das Lösegeld zum Loskauf bezahlt (V.9), und zwar für Menschen aus allen Sprachen und Völkern.

Die Freigekauften haben einen neuen Besitzer. Der behandelt sie nicht wie Sklaven, sondern macht sie zu Königen und Priestern (V.10). So sind diese Verse auch ein Hinweis auf die Vollendung.

Das Kapitel endet mit dem Lobpreis aller Geschöpfe, Gott und das Lamm werden angebetet.

Anbetung und Lobpreis an die Adresse dessen, der auf dem Thron sitzt und des Lammes ist das Ziel der Geschichte.

Amen.