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Invocavit  1.Sonntag in der Passionszeit     5.03.2006    Pastor Alfred Sinn

 

Liebe Gemeinde,

 

an Aschermittwoch ist alles vorbei – so singen die Jecken an Rhein und Mosel. Doch was folgt dann? Ist das auch noch bekannt? Mit dem Aschermittwoch beginnt die 40-tägige Fastenzeit. Die Christenheit soll sich darauf besinnen, daß nicht alles im Leben Freude und Fröhlichkeit ist. Eigentlich weiß man das auch ohne Kirche und Glaube.

Nein, die Christenheit soll sich darauf besinnen, daß sie in Christus ihren Lebensgrund hat. Und bevor Christus als der Lebendige und Auferstandene erschienen ist, hat er Leid und Schmerz erduldet, ist gar durch den Tod gegangen. Daran erinnert uns die Passionszeit und daß hier eine Stellvertretung erfolgte, die menschliches Leben auf eine lebendige Grundlage stellt.

Die Passionszeit ruft uns ebenso in Erinnerung, daß es nach wie vor viel Leid und Schmerz auf der Welt gibt und vielfachen Tod. Unser aller Leben ist ein Gemisch von Freude und Leid, von Trauer und Fröhlichkeit, von kranken und gesunden Tagen.  Und auch das Leben im Glauben kennt diese Spannung. Darüber berichtet auch der Apostel Paulus:

 

2. Korinther 6, 1 - 10

 

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.

2 Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.«  Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde;

4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,

5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,

6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in

  ungefärbter Liebe,

7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,

8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig;

9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet;

10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

 

An welchen Worten bleiben wir hängen, wenn wir diesen Brief hören? Es gibt hier Worte, die lösen angenehme Empfindungen aus, zB Langmut, Freundlichkeit, Liebe, Wahrheit, Ehre, Leben; und es gibt Worte, gegen die wir uns wehren, zB Trübsal, Verfolgung, Schläge, Schande, Sterben. Wir suchen alle lieber die annehmlichen Seiten.

Sind das nicht heroische Aussagen vom Apostel? Sind wir zu solchem Verhalten wirklich im Stande?  Und wenn wir es aus uns heraus nicht sind, will die Bibel uns helfen nach einem Maßstab zu leben, der in Gott begründet ist.

 

Eine Menge Gegensatzpaare finden wir in diesen Zeilen. Die Gegensatzpaare zeigen an, daß das Leben in der Nachfolge immer ein Nebeneinander von Leiden und Trost, von Bedrängnis und Bewahrung sein wird.  Insofern ist es eine Illusion, wenn Christen sagen „Wie konnte mir das nur passieren? Wieso hat Gott bei mir das zugelassen? Wo ich doch immer wieder zu ihm rufe.“  Als Christen sind wir freilich auch angefochten, wenn wir Widrigkeiten durchstehen, doch wir sehen sie vom Ziel her.

Von Paulus lernen wir, daß Christein sich nicht in Höhenflügen ergeht. Freilich, die kann’s auch mal geben, doch der Weg Gottes führt in die Ohnmacht. Dabei entfaltet Gott seine Kraft in und durch die menschliche Ohnmacht – auf daß Gott die Ehre behalte und nicht der Mensch. Der Weg in die Ohnmacht ist gleichsam von außen verordnet.

 

Menschen fragen sich: Was bringt mir der Glaube?  Dabei sind die Leute geneigt auch in dieser Angelegenheit nach dem Leistungs-Nutzenprinzip vorzugehen. Wer wäre schon in unseren Breiten zum christlichen Glauben bereit, wenn ihm dieser Verfolgung einbrächte? Dabei zeigt die Geschichte, daß gerade dort, wo das Christentum Schweres und Schwerstes durchmacht, es auch Bestand hat. Hierin zeigt sich, daß Gott die Ohnmacht seiner Gläubigen nutzt, um seine Kraft zu erweisen. Aktuelles Beispiel ist China. In dem kommunistischen Land, wo der christliche Glaube bis aufs Blut verfolgt wurde, wachsen die Christengemeinden.

 

Liebe Gemeinde, wer im christlichen Glauben ein Leben sucht, das von Schicksalsschlägen verschont bleibt, der wird in der Schrift nicht fündig werden.  Denn Menschen, die sich zur Kirche Jesu zählen, sind nicht besser dran als die anderen auch: sie verleben keine unbekümmertere Kindheit, sie schreiben keine besseren Schulnoten, sie bekommen nicht eher einen Job, sie erfreuen sich keiner besseren Gesundheit und sie leben auch nicht länger. Wenn es Christen besser ginge als den anderen Menschen würden ja alle an Christus glauben wollen. Doch dann wäre es kein freier Glaube, sondern ein berechnender.

 

Tröstlich ist noch folgendes: Das Leiden wird weder verklärt, aber auch nicht als bloßer Schein abgetan. Das Leiden ist bitter, es wird als störend und zerstörend erfahren. Aber es steht nicht mehr für sich. Vielmehr stellt Paulus beides, die Höhen und die Tiefen seines Lebens, in den Gottesbezug hinein.

 

Es geht nicht um eine stumm geduldete Unterwerfung, die schweigend alles auf sich nimmt und Leiden als göttliche Erziehungsmethode verherrlicht! Sondern es geht Paulus darum, deutlich zu machen, daß er in jeder Situation sich als Diener Christi erweisen will. Es ist dem Apostel abzuspüren, wie er ringt. Als Kehrseite der Geduld schwingt die verzweifelnde Ungeduld mit. Er will unter der Gnade bleiben und sich von ihr leiten lassen. Er möchte in seinem Amt keinen Anstoß erregen. Dabei geht es ihm nicht darum, daß er groß herauskommt, sondern daß Christi Gnade nicht in Verruf gerät. Seine eigene menschliche Schwachheit wird ihm durch die Kraft Christi zur Stärke. Trotz der Schläge, die Paulus erduldet, verspürt er die Gnade Gottes im Hier und Jetzt. Die Schicksalsschläge behalten nicht das letzte Wort. Was Paulus hier schildert - Verfolgung und doch getrost,  gezüchtigt und doch nicht getötet … - ist nicht eine große Gedankenkonstruktion, sondern Lebens- und Glaubenserfahrung.

 

Der Apostel erinnert die Korinther an die Gnade. Die Gnade Gottes soll nicht vergeblich sein, daß heißt nicht ins Leere laufen. Eine andere Übersetzung dieses Verses hört sich so an: „Als Gottes Mitarbeiter bitten wir euch: Lasst die Gnade, die Gott euch geschenkt hat, in eurem Leben nicht ohne Auswirkung bleiben.“   Es gilt das Jetzt zu nutzen. Wenn das Jetzt nicht genutzt wird könnte die Chance vertan sein.

 

Durch das Kommen Jesu ist das Wort und die Verheißung Gottes erfüllt, darum darf die Gnade nicht ins Leere gehen. Die Ermahnung ist zugleich Aufforderung, sich dem Jetzt zu stellen.

 

Luther wies gerne darauf hin, daß es eine Zeit gibt, in der das Evangelium wie ein fahrender Platzregen daherkommt. Es kann die Zeit kommen, da der Platzregen sich verzieht und anderswo runtergeht.  Im Moment haben wir in unseren Landen eine Art Dürre.

 

Und trotzdem: es ist und bleibt Gnadenzeit. „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade; siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Dieser Hinweis sollte umsomehr beherzigt werden, da keiner von uns weiß, ob er den heutigen Abend noch erlebt. Spätestens wenn  wir tot sind, ist für uns die Gnadenzeit abgelaufen.

 

Es ist schon komisch, daß Paulus bei all den Widrigkeiten von Gnadenzeit spricht. Das soll Gnadenzeit sein? In Verfolgung, in Schlägen, in Gefängnis? Das paßt nicht so ohne weiteres zu unserem Verständnis. Unter Gnadenzeit stellen wir uns eine andere Zeit vor: Daß Gott unsere Gebete erhört und Wunder tut, wenn wir sie brauchen.

Zu allen Zeiten haben sich Christen auch gewünscht, daß sie in aller Kraft die Macht Gottes erkennen. Stellvertretend sei Jochen Klepper genannt: „Manchmal denkt man, Gott müßte einem in all den Widerständen des Lebens ein sichtbares Zeichen geben, das einem hilft. Aber dies ist eben sein Zeichen: daß er einen durchhalten und es wagen und dulden läßt.“

Die umfangreiche Aufzählung des Paulus läßt erkennen, daß er die ganze Wirklichkeit in das Licht Gottes stellt. Die Widrigkeiten können ihn nicht trennen von der Liebe Gottes in Christus. Er hat die beglückende Erfahrung gemacht, daß der Dienst für den Gekreuzigten und Auferstandenen mitten in allen Mühen und Ängsten etwas von dem Ostersieg spüren läßt.

Christliche Existenz ist in dieser Widersprüchlichkeit zu sehen. Diese Einstellung hat sich in den christlichen Gemeinden der folgenden Jahrzehnte erhalten und charakterisiert eigentlich bis heute wahres Christentum.

 

Im Diognetbrief aus dem 2.Jahrhundert erfahren wir, welches Selbstverständnis die Christen hatten.  Ein gewisser Diognet hat sich über die Religion der Christen erkundigt. Ihm wird folgende Antwort gegeben (Auszug) :

»Die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache noch durch Sitten von den übrigen Menschen unterschieden. Denn sie bewohnen weder irgendwo eigene Städte noch verwenden sie eine abweichende Sprache noch führen sie ein absonderliches Leben. Sie heiraten wie alle und zeugen Kinder, jedoch setzen sie die Neugeborenen nicht aus. Sie haben gemeinsamen Tisch, kein gemeinsames Lager. Sie sind im Fleische, aber sie leben nicht nach dem Fleisch. Auf Erden halten sie sich auf, aber im Himmel sind sie Bürger. Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber nur wie Beisassen, sie beteiligen sich an allem wie Bürger und lassen sich alles gefallen wie Fremde; jede Fremde ist ihnen Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde ... Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch, man tötet sie und bringt sie dadurch zum Leben. Sie sind arm und machen viele reich; sie leiden Mangel an allem und haben doch auch wieder an allem Überfluß. Sie werden mißachtet und in der Mißachtung verherrlicht; sie werden geschmäht und doch als gerecht befunden. Sie werden gekränkt und segnen, werden verspottet und erweisen Ehre. Sie tun Gutes und werden wie Übeltäter gestraft, freuen sich, als würden sie zum Leben erweckt ... Um es kurz zu sagen, was im Leibe die Seele, das sind in der Welt die Christen.

 

Wie die Seele über alle Glieder des Leibes, so sind die Christen über die Städte der Welt verbreitet. Die Seele wohnt zwar im Leibe, stammt aber nicht aus dem Leibe; so wohnen die Christen in der Welt, sind aber nicht von der Welt«

 

So leben auch wir im Jetzt und doch auf ein Anderes ausgerichtet. Das „Jetzt“ steht in Spannung zu dem „noch nicht“. Denn wir warten auf die Vollendung. Dabei wollen wir uns in dieser Zeit bewähren: in Lauterkeit, Langmut und Freundlichkeit, in Nöten, Ängsten, Verfolgungen.

 

Wir sind die Sterbenden – und siehe wir leben.

Amen.