P f i n g s t s o n n t a g 2006
Goldene Konfirmation
P r e d i g t : 3. Glaubensartikel Pastor Alfred Sinn
Liebe Jubilare,
lang ist’s her, daß ihr hier in dieser Kirche konfirmiert wurdet. Darüber ist die meiste Zeit des Lebens vergangen. Und nun ist die letzte Lebensetappe angebrochen. Die Erinnerungen gehen zurück und man nimmt wahr, wie viel sich seither geändert hat. Manch einer hätte vielleicht den Wunsch, noch mal in das Alter zurückkehren zu können um einiges im Leben anders zu gestalten. Doch es gibt kein Zurück, die Zeit zwingt uns unaufhörlich nach vorne zu blicken.
Heute soll der Blick dann doch mehr auf die Vergangenheit gerichtet werden. Dazu gehört auch, daß die Bilder aus der Konfirmandenzeit auftauchen: Weißt du noch, wie das war, als wir im Pastorat zum Unterricht gingen. Im Flur die Treppe rauf, der Ofen, der noch mit Holz geheizt wurde. Wie wir den Pastor auch mal geärgert haben. Wie er Maßnahmen ergriffen hat gegen die Unruhestifter usw.
Zum Rückblick gehört auch die Erinnerung an den Lernstoff von damals: die Gebote, das Glaubensbekenntnis, Psalm 23, Liedstrophen, Bibelsprüche. Wieviel ist davon haften geblieben? Und auch andere Fragen seien erlaubt: Wie habt ihr die Kenntnis umgesetzt? Habt ihr die Theorie Praxis werden lassen? Habt ihr die beiden miteinander verbunden? Oder seid ihr geistlich auf dem Stand von 15-Jährigen geblieben? Insofern soll diese Feier auch dazu dienen über die christliche Identität neu nachzudenken. Und die ist nicht nur eine Sache der Vergangenheit, sondern eine, die die Gegenwart betrifft und auf Zukunft ausgerichtet ist.
Bei der Konfirmation werden in der Kirche die roten Behänge an Altar und Kanzel aufgehängt. Außerdem an Pfingsten und an Aposteltagen. Rot kommt nicht oft vor im Kirchenjahr. Die Farbe steht für das Blut der Märtyrer und für das Wirken des Heiligen Geistes. Sie ist ein Hinweis für den Zeugnischarakter der Kirche. Wenn die Farbe auch bei der Konfirmation gewählt wird, soll damit zum Ausdruck gebracht werden, daß die jungen Menschen gerufen sind von ihrem Glauben Zeugnis abzulegen, dazu beizutragen, daß der christliche Glaube verbreitet wird, erhalten bleibt, gleichsam für das Evangelium brennen. Liebe Jubilare, insofern seid ihr bei der Konfirmation mit einem Auftrag versehen worden. Der Pastor hatte für diesen Dienst um den heiligen Geist gebeten. In der Tat, ohne diesen Beistand könnten wir den Zeugendienst gar nicht verrichten.
Da heute Pfingsten ist, laßt uns nachdenken über diese dritte Person der göttlichen Wirklichkeit. Im Glaubensbekenntnis beten wir:
Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.
Martin Luther hat im Kleinen Katechismus dieses Bekenntnis trefflich ausgelegt. Es lohnt, immer wieder diese Worte in Erinnerung zu rufen:
Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.
Mit dem Glaubensbekenntnis sage ich: Ich glaube, daß ich nicht glauben kann. Und ich gebe zu, daß ich eine Hilfe brauche. Denn zu glauben ist ja vordergründig nicht eine Denkangelegenheit, sondern eine Beziehungssache. Der heilige Geist hält in mir den Wunsch und das Bedürfnis wach, daß ich mich mit Gott beschäftige.
Also, ohne die Wirkung des heiligen Geistes kämen wir gar nicht auf die Idee zu glauben. Der Geist Gottes befähigt uns dazu. Freilich können wir uns dem Wirken des Geistes Gottes auch versperren. Gott wird unsere Entscheidung respektieren, doch wir werden die Konsequenzen tragen müssen.
Pfingsten hat mit dem heiligen Geist zu tun. Der heilige Geist hat die Jünger in Jerusalem in Beschlag genommen. Auch uns will Gott durch seinen Geist für sich gewinnen – und damit fürs Leben.
Im 3 Artikel des Glaubensbekenntnisses kommt dreimal das Wort „heilig“ vor: heiliger Geist, heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen.
Liebe Jubilare, empfindet ihr euch als Heilige? Manch einer würde das weit von sich weisen. Mit heilig verbinden wir moralische Vollkommenheit, Sündlosigkeit, aber auch Abgehobenheit. Heilig ist auch ein Hinweis für die Sehnsucht nach einer heilen Welt. Der Mensch hat sich die Erinnerung nach dem verlorenen Paradies bewahrt. Und er sehnt sich nach ihr zurück. Wenn aber an Gott nicht mehr geglaubt wird – und Gott ist in erster Reihe heilig – dann muß der Mensch selber versuchen die heile Welt zu schaffen. Sämtliche Ideologien speisen sich daraus.
Nicht nur frühere Jahrhunderte hatten ihre Heiligen, auch heute gibt es sie, doch sie kommen vielfach in weltlichem Gewand daher: es ist der Öko-Apostel, der Greenpeace-Aktivist, der Wellness-Guru, die Frau, die für amnesty arbeitet usw.
Doch Heiligkeit und Heiligsein kann ohne den Gottesbezug nicht bestehen. Das ist das besondere an der Definition von heilig im biblischen Sinne, nämlich, daß die Heiligen erdgebunden bleiben, ohne aber die Vollendung aus dem Blick zu verlieren. Sie setzen sich der Welt aus, gehen aber in ihr nicht auf. Sie haben eine große Sehnsucht nach dem Himmel, die sie in ihrem Einsatz in und für die Welt beflügelt.
Liebe Gemeinde, das Glaubensbekenntnis spricht nicht vom einzelnen Heiligen, sondern von der Gemeinschaft der Heiligen. Unser Heiligsein liegt nicht in der moralischen Vollkommenheit, sondern in der Berufung durch Gott. Wir sind zu einer neuen Existenz berufen. Dieses neue Sein hat in der Taufe begonnen. Wir sind ausgesondert um Gott zu gehören. Mit diesem Begriff („ausgesondert“) kommen wir der alttestamentlichen Bedeutung des Wortes nahe. Wer getauft ist gehört in Gottes Nähe, er gehört Gott selbst! Er ist gleichsam für die anderen Mächte tabu.
Liebe Jubilare, bei der Taufe wurdet ihr in den Stand des Heiligseins versetzt. Bei der Konfirmation habt ihr gesagt: Ich stehe dazu. Die Goldene Konfirmation ruft solche Stellungnahme in Erinnerung. Wer in den letzten 50 Jahren das vernachlässigt hat, kann noch immer für den Rest seines Lebens diesem Stand Entsprechung leisten. Das nennt die Bibel „Heiligung“. Es bedeutet sich dem Christsein aussetzen, im Glauben gleichsam Fortschritte machen, mit Gottes Wort in eine fruchtbare Beziehung gelangen.
Wir alle haben unsere Brüche und Risse im Lebenslauf. Wir sind sündig, und auch die Kirche ist sündenbeladen. Es schleichen sich Dinge ein, die ganz und gar nicht dem Heiligen zuzuordnen sind. Darum umsomehr brauchen wir die Pflege der Beziehung zum
heiligen Gott. Das Neue Testament legt großen Wert darauf, daß der einzelne Mensch sein gebrochenes Verhältnis zu Gott, seinem Schöpfer, klärt; und daß er sich als Geheiligter in die Gemeinschaft derer begibt, die zum Heil berufen sind. Dazu hat uns Gott seinen Heiligen Geist gegeben.
Der Theologe Adolf Schlatter hat hierzu folgendes formuliert: „Der Heilige Geist verwandelt eigennützige Menschen in gemeinnützige, Ich-bezogene in gemeinschaftsfähige Menschen. Dabei läßt er sie als einzelne leben - und bewahrt sie doch vor dem Individualismus. Er fügt sie zu einer Gemeinschaft zusammen - und läßt sie doch nicht im Kollektiv versinken.“
Dabei bleibt der heilige Geist an das Wort Gottes gebunden. Wie erklärt doch Luther so schön: „Der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen“, durch das Evangelium! Ohne diese Anbindung kann es schnell zur Schwarmgeisterei kommen. Es hat einer gesagt: „Das Wort bringt den Geist an die Herzen heran, der Geist bringt das Wort in die Herzen hinein“.
Liebe Jubilare, seht in diesem Tag eine Chance, um wieder mehr an das Wort Gottes und die Kirche heranzuwachsen. Identifiziert euch damit, wenn dieser Tag zu Ende geht.
Ihr seid Heilige, weil auserwählt zum Reich Gottes. Darum lebt auch auf dieses Ziel hin und heiligt euch.
Amen. |