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O c u l i  (3.Sonntag Passionszeit)    19.03.2006 

Abendgottesdienst mit Konfirmandentaufe

 

 

Der verborgene Gott     Konfirmandentäuflinge sprechen :

 

 

Ø     Wo bist du?! –  Ich schaffe die Schule nicht, schreibe nur schlechte Noten. Ich kapier’ nicht, was die Lehrer da vorne erzählen, ich krieg’ den Lernstoff nicht in meinen Kopf rein. Wie soll ich da eine Lehrstelle finden? Gott, wo bist du?!

 

Ø     Wo bist du?! –  Ich habe Angst zu versagen. Ich habe eine Dummheit gemacht. Die Freunde meiden mich. Ich fühle mich einsam. Wie soll ich Mut zum Leben haben? Ich brauche einen Rat. Gott, wo bist du?!

 

Ø     Wo bist du?! –  In unserem Haus ist eingebrochen worden, während wir geschlafen haben. Seitdem leide ich unter Angstzustände, kann nachts nicht mehr schlafen. Ich bin das reinste Nervenbündel. Gott, wo bist du?!

 

Ø     Wo bist du?! –  Drei Jahre lebten wir in einer glücklichen Beziehung zusammen. Meine ganze Liebe und mich selbst habe ich ihr geschenkt. Auf einmal, von heute auf morgen, ist sie weg. Es ist alles aus, ein Scherbenhaufen. Gott, wo bist du?!

 

Ø     Wo bist du?! –  Der Druck und der Streß in der Arbeit macht mich fertig. Ich halte das nicht mehr aus, ich fühle mich nur noch überfordert. Wie soll ich das schaffen? Gott, wo bist du?!

 

Ø     Wo bist du?! –  Ich habe meinen Job verloren, bin von heute auf morgen entlassen worden. Wie soll ich jetzt meine Familie ernähren? Wir müssen aus unserer Wohnung raus. Wo sollen wir jetzt hin?  Gott, wo bist du?!

 

Ø     Wo bist du?! –  Mit Bauchschmerzen ging meine Frau zum Arzt – Diagnose Krebs! Die Chemo-Therapie macht sie fertig, sie ist nur noch ein Häufchen Elend. Ich kann ihr nicht helfen, weil ich arbeiten muß. Gott, wo bist du?!

 

Ø     Wo bist du?! –  In meiner Familie ist jemand gestorben. Dieser Mensch fehlt mir sehr. Wie soll das Leben bloß weitergehen? Der Tod ist schrecklich. Gott, wo bist du?!

 

 

Der offenbarte Gott      Pastor  Alfred Sinn

 

Die beiden Konfirmanden tragen ein Kreuz, bleiben in der Mitte des Altarraumes stehen und rufen: „Mein Gott, mein Gott – wo bist du?!“

 

Liebe Gemeinde,

 

„Wo bist du, Gott ?“ – diese Frage durchzieht die Jahrhunderte. Viele Menschen haben sie gestellt.  Die Frage ist biblisch berechtigt. Die sogenannten Klagepsalmen helfen auch heute Menschen ihre Trauer und Not, ihre Fragen und Zweifeln in Worte zu fassen. Ja, auch der gläubige Mensch kann unter der Verborgenheit Gottes leiden. Die Klage ist ein wichtiger Teil der Gebetstradition.

 

In einem Klagepsalm hat der Beter die große Vergangenheit im Blick, er denkt an die Geschichte Gottes mit seinem Volk und fragt: „Wird denn der Herr auf ewig verstoßen? Ist’s denn ganz und gar aus mit seiner Güte? Hat Gott vergessen gnädig zu sein?“ (Ps.77,8-10) 

In Psalm 73 spricht der Beter die Anfechtung an, die sich aus dem Wohlergehen der Gottlosen ergibt.  Warum beschützt Gott seine Frommen nicht?  Auch diese Frage ist uralt. Der Beter vergleicht: den Gottlosen geht es gut, sie brüsten sich, sie reden böse, sie lästern Gott und werden reich. Ist das denn gerecht? Ist es denn umsonst, daß ich fromm bin? Ich habe gar keinen Vorteil davon, im Gegenteil, das bringt mir Nachteile. 

Doch dann lernt er die Verhältnisse wieder recht einzuordnen. Das wird aus dem Satz deutlich „…bis ich ging in das Heiligtum Gottes und merkte auf ihr Ende“.  Im Heiligtum (Tempel) begegnet man Gott, hier wird man mit seinem Wort konfrontiert. So lernt man die Dinge aus der Warte Gottes zu sehen, gleichsam vom Ziel her. Der Theologe Helmut Thielicke hat den schönen Satz geprägt: „Gott ist ein Gott der Ziele.“   Nun bleibt der Beter nicht mehr an der Diesseitigkeit hängen. Er erkennt, daß eine letzte Abrechnung noch aussteht. Das dicke Ende kommt noch für den Gottlosen, und für den Frommen die Vollendung seines Lebens in Herrlichkeit.

 

In Psalm 79 wird der Fromme konfrontiert mit den Fragen der Heiden: Wo ist dein Gott? Siehe, er konnte dir nicht helfen. Wir haben euch überrannt.  Ähnlich in Psalm 42. Der Beter schreit zu Gott: „Warum hast du mich vergessen? Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?“

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandentäuflinge, an diesen Beispielen sehen wir, daß die Frage „Wo bist du, Gott?“ zulässig ist.  Nicht zu vergessen Psalm 22, den Jesus am Kreuz gebetet hat. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – so schreit auch Jesus die Klage zum Himmel.  Warum, Gott? Wozu? Wo bist du?  Die Frage kommt aus zwei Richtungen: Jesus stellt sie und die Menschen unter dem Kreuz äußern sie. In Psalm 22 steht geschrieben: „Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«“  In der Tat, auch diese prophetische Aussage des Psalms hat sich am Kreuz von Golgatha erfüllt. Die Schriftgelehrten und Hohenpriester spotteten: „Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Er hat Gott vertraut: der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat.“ (Mt.27,42-43)  Diese Menschen sind Vollstrecker des göttlichen Willens. Gott benutzt ihre Schuld um sein Heil voranzutreiben.

 

Am Kreuz von Golgatha  ist das größte Schweigen Gottes lokalisiert.  Gerade diese Stunde aber, da Gott mit keinem Wort und keiner Silbe seinem Sohn antwortete, war die Stunde der großen Weltenwende, in der er sein Herz mit all seiner Liebe für uns öffnete.

 

Das Schweigen Gottes kann zur größten Belastungsprobe für unseren Glauben werden. Kleine und große Geister haben sich daran gerieben.  Der Philosoph Blaise Pascal blickte zum Himmel und stellte fest:  „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern.“  Friedrich Nietzsche hat den Menschen als „kosmischen Eckensteher“ bezeichnet und der Franzose Jacques Monod meinte, der Mensch sei ein „Zigeuner am Rande des Universums“.  Während die letzten beiden in ihrer Skepsis verharrten, hat Blaise Pascal zum lebendigen Gott gefunden. Er ist zur Überzeugung gelangt, daß Gott keineswegs schweigt, sondern schon immer geredet hat und heute noch redet. Wie auch Psalm 50,3 belegt: „Unser Gott kommt und schweiget nicht.“

 

Wenn sich die Ansicht verfestigt, daß der Mensch nur eine Randerscheinung im Kosmos, ein Irrläufer der Evolution oder ein Zigeuner am Rande des Universums sei – dann ist kein Platz mehr vorhanden für das Ebenbild Gottes. Dann verliert der Mensch in der Tat seine Mitte. Wir aber wollen an der Überzeugung und Gewißheit festhalten, daß der Mensch ein Geschöpf aus Gottes Hand ist.  Auch in seiner Klage bleibt er auf Gott bezogen.

 

Grundsätzlich ist der Mensch auf Gott hin angelegt. Wenn ich als Mensch auf Gott hin angelegt bin, ist die persönliche Gottesbeziehung ein wesentlicher Bestandteil meiner eigenen Identität. Wenn aber der Glaube an Gott verloren geht, verliere ich mich selbst. Wir müssen zurück zu unserem Ursprung. Denn wer seinen Ursprung und sein Ziel verliert, der wird krank.

 

Während nun in den Psalmen die Frage „Wo bist du Gott?“ für  eine echte Suche des Beters steht, hat sie in unseren Tagen einen Beigeschmack: „Wenn es einen Gott gibt, warum und wieso …?“ Oder noch schlimmer: viele Menschen fragen gar nicht mehr nach Gott, sie haben ihn einfach abgeschrieben. Viele Zeitgenossen scheinen ohne Gott gut auszukommen. Der Mensch plant, der Mensch handelt.  Es läuft gut ohne Gott, die Gesellschaft hat alles im Griff. Hie und da, wenn große Katastrophen passieren, wird solches Selbstbewußtsein – oder sollen wir sagen Überschätzung – erschüttert. Dann taucht wieder der Begriff „Gott“ von ferne auf. Und wieder ist die Anklage zu hören: „Wieso kann Gott das zulassen?“   Was für eine Überheblichkeit des Menschen in solchen Fällen nach Gott zu rufen, sonst aber sich nicht um ihn zu kümmern!

 

Nach dem 11.Sept.2001 wurde eine bekannte Christin in Amerika gefragt »Warum hat Gott das zugelassen?« - Sie gab hierauf folgende Antwort: Wir haben Gott aufgefordert, unsere Schulen zu verlassen - alle sagten: O.K.! Und darauf hin gab es kein Gebet und keine Bibel mehr an den Schulen. - Die Bibel sagt: Du sollst nicht töten. Wir aber sagten: Abtreibung ist o.k.! - Die Bibel sagt: Du sollst nicht ehebrechen. - Wir sagten: Gebt den jungen Männern Kondome, da wir doch nicht verhindern können, wann und wie sie mit Mädchen schlafen. Wir sagten: Homosexualität ist o.k. - Der Gott der Bibel verurteilt sie eindeutig. Und jetzt klagen wir Gott an: Warum hast du den Terroranschlag zugelassen?

Gott antwortet: Liebe betroffene Menschen: Ich bin in eurem Staat nicht mehr erwünscht und nicht mehr geduldet. Wundert ihr euch nun, daß jeder das tut, was recht ist in seinen Augen?

 

Stichwort „Augen“. Heute ist der Sonntag  »oculi«, das heißt auf deutsch „meine Augen“. Der Sonntag hat seinen lateinischen Namen vom 25.Psalm: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn!“

Zu Beginn haben wir gefragt: „Gott, wo bist du?“  Dabei steht es in erster Reihe Gott zu, zu fragen: „Mensch, wo bist du?“ So hat er den Menschen schon im Paradies herausgefordert: Wo bist du?  Heute gilt nicht minder: Mensch, wo bist du; wohin gelangst du mit deinem Ungehorsam?  Kehr um zu mir, du kannst mich erkennen und erleben! Richte deine Augen auf mich!

 

Wir möchten mit unseren Augen mehr erkennen. Doch es bleibt dabei: wir erkennen nur stückweise (1.Kor.13). Für diese Zeit ist uns der Glaube gegeben. Wir sehen Gott nicht wie er ist, aber mit glaubenden Augen erkennen wir, wie er sich uns gegenüber verhält. Gott ist ein verborgener Gott und doch hat er sich offenbart. 

Schau hin, Mensch, aufs Kreuz; da merkst du, wo Gott ist, wie er ist, was er für dich tut. Über das Kreuz Christi wirst du dereinst Gott schauen und dich freuen.

 

Liebe Konfirmandentäuflinge, sucht Gott an dieser Stelle – und ihr werdet Frieden finden.

 

Laßt mich schließen mit einem Gebet und Lied von 

Salomo Franck, 1659-1725:

 

Mein Gott, wie bist du so verborgen!

Wie ist dein Rat so wunderbar!
Was helfen alle meine Sorgen?

Du hast gesorget, eh ich war.
Mein Gott und Vater,

Führe mich nur selig, obgleich wunderlich.

 

Man kann dich nicht von vorne sehen,

Wir blicken dir nur hinten nach.
Was du bestimmt, das muß geschehen

Bei unserm Glück und Ungemach.

Herr, wer kann deinen Rat ergründen?

Dir bleibt allein der Weisheit Preis;
Du kannst viel tausend Wege finden,

wo die Vernunft nicht einen weiß.     

 

Dein’ allerheiligsten Gedanken

sind himmelweit von Menschenwahn;
Drum leite mich in deinen Schranken

Und führe mich auf rechter Bahn.

 

Dir will ich mich ganz überlassen

mit allem, was ich hab und bin.
Ich werfe, was ich nicht kann fassen,

auf deine Macht und Weisheit hin.

Hilf, daß ich nimmer von dir kehre

in Glück und Unglück, Freud und Leid.
Schick alles, Herr, zu deiner Ehre

und meiner Seelen Seligkeit.

Mein Gott und Vater,

Führe mich nur selig, obgleich wunderlich.

Amen.