Für eine korrekte Anzeige der Inhalte dieser Website muss die JavaScript Funktion aktiviert werden.

V o l k s t r a u e r t a g       19.11.2006              Süderhastedt

Predigt :   Pastor Alfred Sinn

Offenbarung 2, 8 – 10

   8 Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der

     Letzte, der tot war und ist lebendig geworden:

  9 Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die

   Lästerung von denen, die sagen, sei seien Juden, und sind's nicht, sondern sind die

   Synagoge des Satans.

10 Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von

   euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in 

   Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone

   des Lebens geben.

11 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer

   überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

an einem Satz dürften die meisten Zuhörer hängen geblieben sein: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“. Es ergeben sich Gedankenverbindungen: an frühere Jahrzehnte, als dieser Vers gerne als Konfirmationsspruch genommen wurde; an die Kriegsjahre, als die Treue zum Regime beschworen wurde; an Sport und Spiel, bei denen Siegerehrungen mit Kränzen erfolgen.

 

Mit diesem Bibelwort geht es in der Tat um einen Sieg. Doch der Sieg wird streitig gemacht, dem Empfang der Siegeskrone geht Bedrängnis voraus.

Johannes schreibt an sieben kleinasiatische Gemeinden, die unterschiedlich bewertet werden. Smyrna (heute Izmir) schneidet gut ab. Dabei ist es nicht Johannes, der die Gemeinden beurteilt, sondern der HErr Jesus. Er stellt sich der Gemeinde vor: Ich bin der Erste und der Letzte, der tot war und lebendig geworden ist. Die Gemeinde soll wissen, daß sie es mit dem Herrn der Geschichte zu tun hat, mit dem, der vor der Schöpfung war und auch am Ende noch da sein wird. Der Erste ist auch der Letzte. Der das erste Worte hatte, hat auch das letzte. Dieser Autor hat Autorität. Nicht nur ist er der Herr der Geschichte, sondern wie er im Kapitel davor betont: Er, der Lebendige von Ewigkeit zu Ewigkeit hat die Schlüssel des Todes und der Hölle. Seine Macht reicht bis dahin, wo keines Menschen Kraft was ausrichten kann.

 

Doch noch melden sich andere Kräfte, die von der Siegesstraße abbringen wollen. Das war in der Urchristenheit nicht anders als heute. Ihr in Smyrna seid bedrängt und es wird noch dicker kommen, doch ihr habt den Lebendigen auf eurer Seite. Das letzte Wort über die Weltgeschichte liegt nicht im Dunkel. Darum fürchtet euch nicht und bleibt treu, als solche werdet ihr die Krone des Lebens empfangen.

 

 

Liebe Gemeinde, doch wir fürchten uns! Christen sind keine furchtlosen Leute, vieles macht auch uns Angst. Und doch sind wir mit unserem Glauben besser dran als jene, die keine Glaubensverankerung haben. Denn wir sehen die Wirklichkeit vom Ziel her. Wir leben im Vorletzten, aber ausgerichtet auf das Letzte. Weil uns die Krone des Lebens angeboten wird, soll nicht die Furcht im und vor dem Vorletzten unser Leben bestimmen.

So geheimnisvoll auch die Offenbarung des Johannes ist, diese Worte machen es zu einem Trostbuch. Als Johannes dieses Buch geschrieben hat, sahen sich die Christen verstärkt mit Verfolgung konfrontiert. Nicht nur durch die jüdische Synagogengemeinde, sondern auch durch den römischen Staat. Johannes selber ist gefangen auf Patmos und in Pergamon ist ein gewisser Antipas hingerichtet worden, wie wir aus dem nächsten Sendschreiben erfahren.

 

Es geht also nicht nur um allgemeine Leidenssituation menschlichen Lebens, sondern um Verfolgung und Martyrium. Die Christen waren einer Spannung ausgesetzt: auf der einen Seite wußten sie sich von Christus, der zur Rechten Gottes sitzt, vertreten, auf der anderen Seite erlebten sie Ausgeliefertsein, Feindschaft, Verfolgung. Die Schar der Sieger ist die Schar der Angefochtenen. Die lutherische Theologie gründet nicht nur auf Paulus, sondern auch auf solchen Aussagen, wie hier in der Offenbarung. Wir nähern uns immer mehr der Situation der Urchristen. Die christustreue Gemeinde hat es nie leicht gehabt und wird es zunehmend schwerer haben.

Wir kennen zwar keine blutige Verfolgung, doch weltweit werden nicht wenige Christen um ihres Glaubens willen gedemütigt. Und auch bei uns kann die Stimmung schnell umschlagen.

 

Die Gemeinde Christi ist immer schon hineingenommen in einen Kampf, der nicht irdischer Natur ist. Doch einen Trost hat sie: Der Herr weiß um ihre Lage: „Ich kenne deine Bedrängnis“. Das, was wir um unseres Glaubens willen durchmachen, wird registriert. Es kennt der Herr die Seinen und wird ihnen beistehen. Und wenn er auch ihr irdisches Leben nicht rettet, so dürfen sie der ewigen Rettung gewiß sein. Die Verfolger werden sich für ihre Taten verantworten müssen.

 

Und noch einen Trost entnehmen wir dem heutigen Wort: die Bedrängnis ist befristet. Unsere Widersacher können sich an uns nicht austoben, wie sie wollen. Gott setzt ihrem Treiben Raum und Zeit! Die teuflische Versuchlichkeit kann die Gemeinde nur deshalb überstehen, weil der Herr den Trübsalen eine Grenze gesetzt hat.

 

Die Gotteslästerer sind angestachelt durch Satan. Johannes benutzt hier eine Formulierung, die in der europäischen Geschichte weitreichende Folgen haben sollte. Er spricht von Juden, die zur Synagoge des Satans gehören. Der geschichtliche Hintergrund ist der, daß die jüdische Synagogengemeinde die Christengemeinde von Anfang an nicht nur abgelehnt hat, sondern auch verfolgt. Es begann schon bald nach der Himmelfahrt Christi in Jerusalem. Stephanus war der erste Märtyrer. Die Gemeinde in Jerusalem wurde zerstreut. Paulus hat es auf seinen Missionsreisen erlebt, wie die Juden die erbittertsten Gegner der christlichen Verkündigung waren. Und so blieb es auch in den nächsten Jahrzehnten.

Die jüdische Gemeinde sah sich durch die Christen gestört und trug zu ihrer Verfolgung bei. Jüdische Diasporagemeinden haben nicht selten christliche Gruppen bei den römischen Behörden angezeigt, haben sozusagen die Christen ans Messer geliefert. Darüber berichtet auch die Märtyrerakte des Polykarp. Dieser war Bischof in Smyrna

 

und erlitt etwa 155 n.Ch. den Märtyrertod. In dieser Akte ist zu lesen: "Das wurde schneller ausgeführt, als es erzählt werden kann. Die Volksmassen trugen auf der Stelle aus den Werkstätten und Bädern Holz und Reisig zusammen; die größten Dienste leisteten dabei bereitwilligst die Juden, wie sie es gewohnt sind."

 

In späteren Jahrhunderten haben dann die Christen die Juden bedrängt und verfolgt. Kein anderes Volk hat eine solche Leidensgeschichte wie Israel. Es ist eine Schande für den christlichen Glauben und auch für Deutschland, was hierbei angerichtet wurde. Zum Volkstrauertag gehört auch die Erinnerung an diese Opfer. Von der dauernden Selbstanklage müssen wir Abstand nehmen, ohne aber die Vergangenheit zu vergessen.

Das deutsche Volk ist an dem, was durch den 2.Weltkrieg geschehen ist, schier zerbrochen. Doch Gott war gnädig, er hat unserem Volk eine weitere Chance gegeben. Darum gilt nach wie vor: „Wach auf, wach auf du deutsches Land. Bedenk, was Gott an dich gewandt. Gott hat dir Christus, seinen Sohn gegeben. Für solche Gnad und Güte groß sollst du dem Herren danken, nicht laufen aus seim Gnadenschoß, von seinem Wort nicht wanken.“

Die Gnade schließt den Auftrag zur Mission ein - auch an Juden. Dieser biblische Auftrag ist nicht aufgehoben.

 

An der Messianität Jesu schieden und scheiden sich die Geister. Das ist auch heute der Knackpunkt im Dialog mit den Juden. Doch im Glauben an Jesus als den Messias fallen auch die Schranken zwischen Juden und Heiden. In Christus sind wir allesamt eins, wie Paulus den Galatern schreibt (Gal 3,28).

 

Es gibt viele Menschen, die sich für den christlich-jüdischen Dialog einsetzen. Ein leidenschaftlicher Vertreter auf jüdischer Seite war der Theologe Pinchas Lapide (1922-1997). Er setzte sich ein für das Prinzip der Entfeindung. Sinngemäß sagte er: Wenn wir nicht bald den Weg zur versöhnten Einheit in der Vielfalt finden, können wir alle Halleluja gegeneinander singend miteinander untergehen, was Gott verhüten möge. Sein Anliegen war, Juden und Christen zusammenzuführen, „ohne den Juden zum Christen und den Christen zum Juden zu machen“. Er hob hervor, daß beide Religionen in einer Schicksalsgemeinschaft verbunden sind, darum sollten sie sich auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen.

 

Doch nun zurück zu den Worten aus der Offenbarung des Johannes. Noch einen weiteren Trost finden wir in den Worten des Johannes: Das Ende des Kampfes ist nicht ungewiß. Hier spricht der, der tot war und lebendig geworden ist, hier spricht der Sieger und Überwinder. Er will uns Anteil geben an seinem Sieg, darum schärft er ein: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“, und „Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode“.

Der widergöttlichen Macht sind nicht nur Grenzen gesetzt, sondern ihr Ende ist vorausgesagt. Johannes schreibt in den folgenden Kapiteln über den großen Endkampf und der Vernichtung des Teuflischen. Ähnlich äußert sich der Apostel Paulus im Brief an die Thessalonicher: „Den Bösen wird der Herr Jesus umbringen mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein  Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt (2.Thess 2,8).

 

Christus, der Auferstandene ruft also zur Treue auf, Treue bis an den Tod und bis in den Tod. Dies ist umso mehr eine hohe Anforderung, da wir uns schon mit Einschnitten schwer tun. Treue verstehen wir als eine menschliche Tugend. Wir können uns glücklich preisen, wenn diese Tugend im Volk vorhanden ist.

 

 

Üb immer Treu und Redlichkeit“ fordert ein Lied aus dem 18.Jahrh. auf. Das wollten sich viele Menschen auch in der Zeit des Dritten Reiches zur Richtschnur machen. Doch das

Regime hat die Treuebereitschaft mißbraucht. Die Vaterlandstreue, soldatische Pflichterfüllung und Fahneneid wurden beschworen. Das Volk wurde verführt. Es wurde von vielen vergessen, daß es noch eine Instanz gibt, die über Volk, Führer und Vaterland steht. Das genannte Lied drückt das so aus: „Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab, und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab.“

 

Handwerker und Geschäfte sind bestrebt, ihre Kunden an sich zu binden. Sie locken mit Treueprämien für treue Kunden. Dagegen ist nichts zu sagen. Auch der Herr Christus lockt die Seinen mit einer Treueprämie: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“. Die Krone des Lebens ist die Gabe des Lebens, des ewigen Lebens. Unsere Erntekrone ist ein Sinnbild dafür, auch der Adventskranz und gar die Türkränze, die Nachbarn für einen Jubilar binden, sind Zeichen für erfülltes Leben.

 

Wieviel mehr wird Jesus Leben in Fülle geben! Davon hat Johannes in seinem Evangelium des öfteren geschrieben. Er zitiert Jesus:

           Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.“ (3,36)

           Wer mein Wort hört, der ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.“ (5,24)

           Ich bin das Brot des Lebens.“ (6,35)

           Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit.“ (8,51)

           Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen.“ (10,10)

           Ich gebe meinen Schafen das ewige Leben.“ (10,25)

           Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ (11,25)

           Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (14,6)

 

Sollten wir da nicht motiviert sein, ihm die Treue zu halten! Das griechische Wort, das an dieser Stelle steht, läßt erkennen, daß es nicht in erster Reihe um eine menschliche Tugend geht, sondern um ein Beziehungsverhältnis. Treue als ein sich Festmachen in den Verheißungen des Herrn. Auf Ihn ist Verlaß, mit Ihm kommt unser Leben zum Ziel. Mit Ihm kann uns weder der erste Tod - das ist der leibliche -, schaden, noch kann uns der zweite Tod - das ist die letztgültige Trennung von Gott - in Gefahr bringen.

 

Sogar das Volkslied spricht die Gewißheit aus: Dann wirst du wie auf grünen Au'n,  durch's Pilgerleben geh'n. Dann kannst du sonder Furcht und Grau'n dem Tod ins Antlitz seh'n.“

Voraussetzung hierfür ist das Wandeln auf den Wegen Gottes.

 

Der Weg zum Heil führt über Christus. Das aber bedeutet von der Krippe über das Kreuz zur Krone. Zwischen Krippe und Krone ist das Kreuz. Bedrängnis bleibt nicht aus. Doch wie am Anfang des Weges Freude ist, so wird auch am Ende die Freude vorherrschen. Wer überwindet wird’s erleben.

 

Amen.