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E s t o m i h i      26.02.2006                   Pastor Alfred Sinn

 

Amos 5, 21 - 24

 

21 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen

     nicht riechen.

22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich

     kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.

23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel

      nicht hören!

24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie

     versiegender Bach.

  

 

Liebe Gemeinde,

 

das sind harte Worte, die wir hier gehört haben. Man bedenke, diese Worte spricht Gott nicht zu Ungläubigen, sondern zu solchen, die den Glauben pflegen. Es wird noch

herauszuarbeiten sein, daß der Glaube dieser Menschen auf Abwege geraten war.  

 

Der Prophet Amos lebte über 700 Jahre  vor Christus. Es war die Zeit, in der das Land Israel zweigeteilt war, in ein Nord- und in ein Südreich.  Im Norden regierte Jerobeam II. Er war auf den König des Südreiches nicht gut zu sprechen. Sein Anliegen war, die politische Macht im Norden zu konzentrieren. Dazu brauchte er die Hilfe der Religion. Denn Religion und Staat waren nicht getrennt. Das eine beeinflußte das andere. Die Verbindung von Thron und Altar hat schon zu allen Zeiten eine Rolle gespielt, nicht nur im Christentum des Mittelalters.

Der Stand eines Heiligtums beeinflußt auch die politische Macht, und umgekehrt kann die politische Macht Einfluß nehmen auf die Religion.  Anders ausgedrückt: der Mensch ist sowohl ein politisches, als auch ein religiöses Wesen. Auch diejenigen, die sich nicht um Politik und Religion kümmern, werden in ihrem Leben von diesen Bereichen beeinflußt.

 

Der König des Nordreiches wußte um diese Zusammenhänge. Zur Verwirklichung seiner Pläne gab es ein wesentliches Hindernis, bzw eine Störung, nämlich das religiöse Zentrum Israels – der Tempel. Dieser stand nun mal in Jerusalem und diese Stadt gehörte zum Südreich. Da besann er sich auf die Heiligtümer, die vor Jerusalem eine Rolle spielten, das waren jene zu Bethel und Dan. Diese hat der König gleichsam reaktiviert.

(weitere Heiligtümer gab es in Gilgal und Beerscheba)

 Der Tempel in Jerusalem sollte Konkurrenz bekommen. In 1.Könige 12 wird von diesem Schritt berichtet:  „Und der König hielt einen Rat und machte zwei goldene Kälber und sprach zum Volk: Es ist zuviel für euch, daß ihr hinauf nach Jerusalem geht; siehe, da ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat. Und er stellte eins in Bethel auf, und das andere tat er nach Dan.“ (V.28-29)

 

Da haben wir die alte Sünde, die schon zur Zeit der Wüstenwanderung dem Volk zum Verhängnis wurde. Auch im Königsbuch wird diese Tat als Sünde bezeichnet.

 

Vielleicht wollte Jerobeam den Jahwekult (Jahwe ist der hebr. Name Gottes) gar nicht abschaffen, doch das Urteil der Bibel ist eindeutig: Götzendienst hat sich eingeschlichen. Der Gott, der aus Ägyptenland geführt hat, duldet keine anderen Götter neben sich.

Es geht - wie immer wieder bei solchen Auseinandersetzungen - um das 1.Gebot. Das Volk steht schon wieder in der Gefahr, sich Götzen zuzulegen. Gott will die Götzenbilder zerschlagen. Das umsomehr, da die Versündigung am 1.Gebot das Schuldigwerden am Nächsten nach sich zieht. Modern gesprochen: die Menschenrechte werden mißachtet.

 

Die Zeit, in der der Prophet Amos lebte, war eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte. Der Lebensstandard war hoch. Doch auch damals profitierten nicht alle von dieser Blüte. Im Gegenteil, die obere Schicht hat die untere niedergehalten. Durch den Propheten Amos argumentiert Gott sozialethisch. Ihr feiert eure Gottesdienste, ihr wollt Gott dienen, ohne dem Nächsten zu dienen. Noch mehr, ihr unterdrückt ihn. Amos fragt nach Recht und Gerechtigkeit.

 

Großartige Gottesdienste wurden gefeiert. Das ist auch ein Ausdruck dafür, daß die Menschen damals noch wußten, daß Wohlstand nicht selbstverständlich ist. Wenn es ihnen wirtschaftlich gut ging, sahen sie es als ihre Pflicht, der Gottheit zu dienen – durch Dank und Opfer.

Auch im christlichen Bereich haben unsere Vorfahren den Wohlstand genutzt um die Religion zu fördern. Dann wurden Kirchen gebaut, Stiftungen gegründet, karitative Einrichtungen am Leben erhalten. (Eigentlich haben unsere Vorfahren die Glaubensinstitution auch dann unterstützt, wenn sie wenig hatten)  Wir streiten uns heute um 5 oder 6 Euro Kirchengrundsteuer, die manche als einmaligen Betrag im Jahr nicht zahlen wollen.

 

So manchen wertvollen Gegenstand könnten wir heute nicht bewundern, wenn die Alten nicht gestiftet hätten. Mit der Gabe wurde Gott geehrt und den Menschen gedient.

 

So auch in unserer Kirchengemeinde. Beispielsweise wurde der Taufdeckel im 17.Jahrh. gestiftet. Auf ihm ist der Schriftzug zu lesen „Anno 1653 heft H.Johan Busch dise Deckel geven.“ Was dieser Mann dafür ausgegeben hat ist nicht bekannt. Dagegen finden wir auf der Rückseite des Altars einen Hinweis, daß der Altar im Jahre 1640 renoviert wurde. Wir wissen auch, wer das ermöglicht hat. Ein gewisser Hans Peters hat hierfür 7 Kühe gestiftet. Solche Taten wurden wohl auch als Opfer gesehen, Opfer im Sinne von Danksagung.

 

Die Israeliten zur Zeit des Amos haben ihrem Gott Dank gesagt, sie meinten jedenfalls Gott zu dienen. Doch Amos entlarvt Israels Gottesdienst als Maskenfest. Zum Gottesdienst setzt der Israelit eine Maske auf, bringt die Opfer, tut demütig oder fröhlich, je nach Anlaß; zu Hause aber Ausbeutung und Unterdrückung. Wie der Alltag aussah, ist im gleichen Kapitel zu lesen: die Armen werden unterdrückt, zu hohe Abgaben werden gefordert, Bestechungsgeld wird genommen (V.11-12). Freilich, fette Opfer werden in Bethel gebracht, doch sie passen nicht zu dem, was im Alltag gelebt wird. Darum spricht Gott: Ich hasse eure Gottesdienste, ich mag eure Opfer nicht riechen. Das alles stinkt zum Himmel.

 

Das Verhalten des Volkes paßt nicht zu den Vorgaben ihres Gottes, auf den sie sich mit ihren Feiertagen und Versammlungen berufen. Damit knüpft Amos an alte Satzungen an.

In 3.Mose 19,13ff ist zu lesen: „Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen. Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen… Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“  Damit weist Amos auf den Kern des Glaubens hin.

 

Rechtsschutz ist für Amos die Kernfrage. Wenn aber Rechtswillkür und Frevel herrscht, ist die Gottesgemeinschaft gestört – was sollen dann die Gottesdienste?  Israel lobt mit seinem Kult eben nicht den Gott, der für Recht und Gerechtigkeit – auch zwischen Menschen – eintritt.

Es kann nicht Gottesdienst gefeiert und zugleich Rechtsbruch betrieben werden. Wort und Tat müssen übereinstimmen. Gerade die Kultgemeinde muß dafür eintreten, daß die Lebensordnung gewahrt wird.

Der göttliche Schalom ist durch politische und soziale Mißstände im Land gefährdet. Gott will, daß seine Lebensordnung beachtet wird: Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ In der Wahrung des Rechts hat der Nächste und das Volk teil an den Wohltaten und Segnungen Gottes. 

Amos kritisiert nicht nur, sondern er wird konkret: „Hasset das Böse und liebet das Gute, richtet das Recht auf im Tor!“ (5,15).

 

Nun, was hat dieses alte Prophetenwort mit unserer heutigen Situation zu tun?  Zum einen müssen auch wir uns an das 1.Gebot erinnern lassen. Auch Menschen unserer Zeit sind gefährdet, sich Götzen zuzulegen; heute in der Art, daß das außerhalb des Gottesdienstes geschieht.  Aber auch was unsere Feiern betrifft, muß abgewogen werden, ob sie der Ehre Gottes dienen.

Zum andern sind die Worte des Propheten sehr aktuell in ihrer Sozialkritik.  Es herrscht Ungerechtigkeit im Lande. Arbeitsplätze werden abgebaut um den Gewinn zu maximieren. Die Großen können den Hals nicht voll kriegen, für die Kleinen werden die Steuern erhöht.  Doch auch viele Kleine wurden zum Nichtstun erzogen. Die Versorgungsmentalität war nicht nur ein Problem in Ostdeutschland.

 

Gerechtigkeit hat was mit Zuwendung zu tun. Gott wendet sich dem Menschen zu, der Mensch soll sich im Kult, also im Gottesdienst seinem Gott zuwenden und im Alltag seinem Mitmenschen.

 

Daran können wir ein Leben lang lernen.

Amen.