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E x a u d i      28. Mai 2006

Predigt:  Pastor Klaus Struve, Militärpfarrer im Kirchenkreis

 

Gnade sei mit Euch und Friede von dem der da war und der da ist und der da kommt!

 

Liebe Gemeinde,

 

Strahlend schön wie ein wertvoller Diamant leuchtet unser heutiger Predigttext aus dem Alten Testament zu uns herüber. Ich lese Ihnen die Worte aus Jeremia Kap 31, Verse 31 bis 34:

 

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,

nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss,

als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen,

ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war,

spricht der Herr;

sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr:

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben,

und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: «Erkenne den Herrn», sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

 

Das ist Evangelium pur, ein Schatz der Verkündigung, eine Freude für jeden Prediger - so empfinde ich es.

Das unlösbare Dilemma, dass der Mensch aus eigener Kraft nicht zu Gott kommen kann, zum Glauben - reformatorisch gesprochen: nicht durch eigene Leistung oder Verdienst gerecht gesprochen wird - hier ist es überwunden: „sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein“. Das letzte Kapitel der Bibel klingt an, Offenbarung 21: „Gott wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er selbst wird ihr Gott sein“.

 

Wie kann das sein, dass im Buch des Propheten Jeremia, rund sechs Jahrhunderte vor Christus, so ein starkes, ermutigendes und tröstendes Heilswort Gottes steht? Wer sich in der biblischen Geschichte ein wenig auskennt, weiß dass um 600 vor Christus das Volk Israel in einer existenzvernichtenden Krise stand. Der militärisch übermächtige Feind aus dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, die Babylonier, zerstört den Rest des alten Israel, das Südreich Juda. Nachdem 130 Jahre zuvor das Nordreich von den Assyrern vernichtet worden war, ist das Reich Davids und Salomos nun von der Landkarte verschwunden, die Geschichte des Volkes von Abraham, Isaak und Joseph zu Ende.

 

So sieht es aus für die Augen des Menschen und seinen Verstand. Aber, wie so oft, die Bibel bleibt nicht stehen beim äußerlich Sichtbaren. Gott steht zu seinem Volk, verwirft es nicht und gibt es nicht auf. Jeremia erinnert an den alten Bund zwischen Israel und Gott, am Sinai geschlossen als Siegel auf die Befreiung von der Sklaverei in Ägypten. Und wir denken auch an den Bund zwischen Gott und Noah mit dem wunderbaren Zeichen des Regenbogens. Den Bund am Sinai schließt Gott, obwohl das Volk mehr als einmal wankelmütig war. Und in der Sintflutgeschichte heißt es: „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“.

 

Gott kennt den Menschen, in all seiner Fehlerhaftigkeit, und hält doch zu ihm. Wenn so etwas zwischen Menschen geschieht, nennt man das Liebe (und wir dürfen dankbar an die Eheleute denken, die das Jubiläum ihrer Goldenen Hochzeit unlängst hier in dieser Kirche gefeiert haben). Dieses unbedingte Festhalten Gottes an seinen Menschen, diese immer neue Hoffnung auf das Gute, das ist meiner Meinung nach das „Geheimnis des Glaubens“.

Glaube ist ein Geschenk. Am letzten Sonntag hieß es im Predigttext: „betet, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftut“. Diese Tür, welch andere kann es sein als die Tür unseres Herzens! Glaube geschieht also im Menschen, er ist keine äußerliche Tat. Glaube ist nicht eine Summe von klugen Sätzen, traditionellen Lehr-(Leer-)Formeln oder hochgeistiger Theorien. Glaube kann man nicht lernen, nicht der Verstand oder die intellektuelle Leistungskraft bestimmen die Nähe zu Gott. Nichts anderes meint Paulus, wenn er den Glauben als Torheit für die Weisheit und Klugheit der Welt bezeichnet.

 

Nicht Verachtung der Bildung spricht daraus, sondern ein tiefes Verstehen der Beziehung zwischen Mensch und Gott. „Der Mensch ist religiös von Natur aus“ lautet ein häufig gebrauchter Satz in der Debatte der Moderne um den Glauben. Manchmal heißt es auch, der Mensch sei „unheilbar religiös“. Da ist es nicht weit zum Unheil des Fanatismus, zur Rechtfertigung von Gewalt im Namen Gottes. Das ist ein Irrweg, eine schwere Sünde. Wir Christen haben das durch eine leidvolle Geschichte lernen müssen.

 

Aber wenn es stimmt - und ich halte das für einleuchtend - dass Religion untrennbar zum Menschsein gehört, dann gilt es, diesen Glauben im Menschen zu entdecken. So wie ähnlich die Naturwissenschaft ja entdeckt an Naturgesetzen, was schon da ist. Wer die physikalischen Strukturen der Schöpfung entdeckt, sei es des Universums oder des Atoms, ist deshalb noch lange nicht auf Augenhöhe mit dem Schöpfer.

Ich bin überzeugt, dass Gott das Wunder des Lebens in die Welt gebracht hat. Und genau so hat er auch den Glauben in jedem Menschen angelegt. Jörg ZINK, den die Älteren als Fernsehpfarrer kennen und die Jüngeren von seinen Bibelarbeiten auf Kirchentagen, hat das einmal so ausgedrückt: "Wenn du also Gott in dir selbst findest, wenn du ihn hörst in dem inneren Wort, das in der Tiefe an dich ergeht, dann findest du damit etwas unendlich Kostbares: eine Lebenskraft, die die deine übersteigt. Eine Klarheit, die du nicht aus dir selber hast. Ein Vertrauen und einen Glauben, zu dem du von dir selbst aus die Kraft nicht hättest. Sage also: Ich bin ein Ort Gottes. Mehr kann ich nicht wollen und nicht werden."              

„Ich bin ein Ort Gottes“. In mir, in meinem Herzen hat Gott Platz. Ich finde, das ist eine großartige Perspektive für mein Leben. Gott schreibt mir direkt ins Herz und meinen Sinn. Ich kann damit immer wieder neu anfangen. Ich bin nicht so „doof“, dass mich andere erst belehren müssten. Sondern ich gehöre zu denen, die Gott schon kennen, weil Gott mich zuvor erkannt hat.

„Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“. So endet der Predigttext bei Jeremia. Gibt es ein schöneres und tröstlicheres Gotteswort für jeden Menschen, der mit sich selber ehrlich ist?

Ich danke Gott für dieses Geschenk des Glaubens.

 

AMEN